Kulturkoryphäenversagen

Kommentar

(Audio, 4:04 / 4 MB)

Man mag der klassischen Musik und ihrem Konzertbetrieb zugetan sein, wie man will.
Man mag auch bejammern, dass zuallererst immer die Klassische und dann die Popular-Musik Beachtung und Förderung erfahre.

Man mag sich aber auch vergegenwärtigen, dass in der Popular-Musik kein ständig präsent – und damit vor Ort – gehaltenes Orchester eine Spielstätte braucht.

Sind derer dann noch zwei vor Ort und rechnet man die freien Veranstalter nebst Gastkonzerten von Orchestern anderer Städte hinzu, dann haben wir Münchner Verhältnisse.

Der Herkulessaal ist zu klein und sanierungsbedürftig, das Prinzregententheater noch beengter. Das Symphonieorchester des BR samt Chor hätte quasi keinen Platz. Und die Sitzplätze sind im Prinze noch weniger als im Herkulessaal.

Somit hat München zwei Spitzenorchester, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Münchner Philharmoniker und eine Spielstätte, die alle Nachfragen befriedigen muss. Denn, auch das darf den Pop-Junkies getrost gesagt werden: Der Gasteig ist meistens ausverkauft und draußen stehen Menschen, die noch auf eine Karte hoffen. Und das bei einer Größenordnung über 2000 Sitzplätze. Ein stationär vor Ort lebender Pop-künstler würde das nicht mehrfach im Jahr bzw. Monat schaffen.

Das einmal als Erklärung für die, die ständig jammern, dass München doch den Gasteig und den Herkulessaal habe und deswegen kein weiterer Konzertsaal nötig sei.

Das aber auch als Watschn für die Kulturkoryphäen der Landes- und Stadtpolitik in München, die leichtfertig ein deutliche Aufwertung in der Weltklasse der Orchester und Spielorte vergeigt haben.

Wer sich die Spielpläne von Philharmonikern und Symphonieorchester ansieht, merkt, dass diese anspruchsvoll gefüllt sind. Dazu kommen dann im Gasteig noch die Konzerte, die private Veranstalter durchführen wollen. Auch hier gilt: Bei über 2000 Sitzplätzen ist meistens ausverkauft.
Da wird ein Konzertbetrieb schnell zum Anzug, der aus den Nähten platzt. Schlimmer noch: Konzerte und Veranstaltungen müssen abgesagt werden, weil die Spielstätte Philharmonie im Gasteig durch die zwei Münchner Orchester belegt ist. Hinzu kommen die Auf- und Abbauzeiten.

Und in diese angespannte Situation fahren Horst Seehofer und Dieter Reiter wie zwei Dampfwalzen und machen die Pläne zum Bau eines neuen Konzertsaales platt.

Dass wir uns richtig verstehen: Erklärtes Ziel des Bayerischen Ministerpräsidenten war: Ein neuer Konzertsaal. Nach seiner Auffassung hält er diese Zusage: Die heute wohl fix gemachte „Entkernung“ des Gebäudes und den darauf folgenden Neubau innen hält der Ingolstädter Hütchenspieler für das Ei des Kolumbus bzw. für so weit tragfähig, dass man ihm keinen Wortbruch vorwerfen könne.

Schlimmer: Er mag vielleicht am Wortbruch noch grade vorbeischrammen. Es ist Seehofersche Volksverdummung wie bei der parallel zu beerdigenden Energiewende, es ist Populismus in Reinkultur, das Abwatschen eines Expertengremiums und seines Staatsministers Spaenle, der sich einem Mäusle gleich nicht mehr raustraut.

Dabei fällt eine weitere Parallele zur Energiewende auf: Hier hat Seehofer das Ergebnis des heute erst stattfindenden Abschluss des Energiedialogs vorausgenommen. Und am Mittwoch sollte der zuständige Minister Spaenle im Landtagsausschuss zum Stand des Konzertsaals sprechen.
Hinfällig, Seehofer hat’s wieder mal in letzter Minute torpediert.

Und wo während der Umbauzeit des Gasteigs konzertiert wird, ist auch nicht zu benennen. Es gibt keine adäquat großen Spielstätten, die die Kosten einigermaßen hereinspielen könnten.

Alles in allem ist es eine der großen, unverständlichen Entscheidungen des Ministerpräsidenten und des Oberbürgermeisters Reiter, den Kulturstandort München so derart an die Wand zu fahren.

Zum Trost: Als Gustav Adolf von Schweden im Jahre 1632 über den Gasteig nach München kam und die Stadt besetzte, waren die Spuren auch ein paar Jahre später nicht mehr zu sehen.

Hinweis:
Sie können sich für einen Konzertsaal einsetzen, die Petition zeichnen Sie hier.

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