„Kaffeesatzleserei“: Heftige Kritik am Konzertsaalbeschluss der Staatsregierung

Wird das je Wirklichkeit? Galeriestraße - der Blick auf das Neue Odeon mit Plantanen. (Entwurf M. Krempels)
Wird das je Wirklichkeit? Galeriestraße – der Blick auf das Neue Odeon mit Plantanen. (Entwurf M. Krempels)
Heute hat das Bayerische Kabinett den sogenannten „Konzertsaalbeschluss“ verabschiedet. Demnach habe eine von Freistaat und Landeshauptstadt eingesetzte Arbeitsgruppe ergeben, dass der Konzertsaal im Gasteig von zwei Orchestern genutzt werden könne. Außerdem stehe ein realisierbarer Standort für einen weiteren Konzertsaal derzeit nicht zur Verfügung. Die Vereinbarung von Ministerpräsident Horst Seehofer und Oberbürgermeister Dieter Reiter beinhalte deshalb, die Verbesserung der bestehenden beiden großen symphonischen Konzertsäle in München, der Philharmonie im Gasteig und des Herkulessaals in der Residenz, gemeinsam weiter zu betreiben. Damit biete sich erstmals die Chance, eine tragfähige und realistische Entscheidung in überschaubarer Zeit zu Gunsten des Klassikstandorts München zu treffen – nach jahrzehntelanger öffentlicher Diskussion und intensiver Standortsuche, in der rund 40 alternative Standorte in München geprüft und wieder verworfen wurden.

Kunstminister Dr. Spaenle:

„Die Bayerische Staatsregierung bekennt sich ganz klar zu ihrer Verantwortung für den Musik- und Kulturstandort Bayern. Dazu gehören auch adäquate Spielstätten für unsere beiden Spitzenorchester in München. Das war Gegenstand der Regierungserklärung 2013 und gilt nach wie vor. Wir wollen nun gemeinsam mit der Landeshauptstadt München eine deutliche Verbesserung für die Musikwelt in München erreichen. Die gefunden Zwillingslösung mit Gasteig und Herkulessaal bedarf noch weiterer Verhandlungen. Unsere Prämissen sind, dass für die beiden Orchester ein gemeinsames Nutzungskonzept erstellt wird, geeignete Ausweichspielstätten zu finden sind und der Herkulessaal entsprechend aufgewertet werden kann.“

(Quelle: PM des Staatsministeriums)

Das meint die Opposition dazu:

Dr. Sepp Dürr, Grüne sieht reine Kaffeesatzleserei:

„Es ist jetzt schon absehbar, dass das letzte Wort in Sachen Konzertsaal noch nicht gesprochen ist. Es ist geradezu Markenkern der Administration Seehofer II, dass sie Entscheidungen eben nicht trifft, sondern sich von äußeren Entwicklungen treiben lässt und deshalb immer wieder zu Kurswechseln gezwungen wird.
Das Kultusministerium gibt eine Studie in Auftrag, hält sie gegenüber dem zuständigen Kultusausschuss aber unter Verschluss. Der Minister diskutiert mit Gott und der Welt, bleibt dem Landtag aber entscheidungsreife Alternativvorschläge und tragfähige Finanzierungskonzepte schuldig. Das ist in höchstem Maße undemokratisch und ineffizient.“

Am Ergebnis der von Minister Spaenle beauftragten Metrum-Studie äußert Sepp Dürr erhebliche Zweifel. „Dieses Institut ist schon einmal durch ein Gefälligkeitsgutachten aufgefallen“, erinnert er an eine Arbeit zur möglichen Doppelbelegung der Philharmonie im Gasteig. Die Auslastungsprognosen für einen dritten Konzertsaal nennt Sepp Dürr „Kaffeesatzleserei. Angebot schafft Nachfrage insbesondere an einem Wachstumsstandort wie München. Das Verteilen vorhandener Besucherzahlen von zwei auf drei Säle ist keine Studie, sondern ein wissenschaftliches Lausbubenstück!“

Die Freien Wähler wollen unterdessen einen Dringlichkeitsantrag ins Parlament einbringen.
Prof. Michael Piazolo, Freie Wähler:

„Darüber hinaus soll die Staatsregierung die Planungen für den neuen Konzertsaal in ein gesamtbayerisches Kulturkonzept einbetten“, sagt Piazolo und übt gleichzeitig scharfe Kritik am Konzertsaalbeschluss von Ministerpräsident Seehofer und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter: „Das ist viel teurer als ein Neubau und zugleich ein Schlag gegen den Kulturstandort Bayern.“ Der angekündigte Umbau des Gasteigs und der damit verbundene Verzicht auf den Neubau eines Konzertsaals stoße in Teilen der Bevölkerung, bei Akustikexperten und Kulturschaffenden auf Unverständnis und massive Kritik. „Nach Auffassung der FREIEN WÄHLER ist die Notwendigkeit eines Konzertsaalneubaus unbestreitbar, sofern München auch künftig seinem internationalen Ruf als Kunstmetropole gerecht werden soll. Ich rufe Seehofer und Reiter daher zu einem raschen Umdenken auf.“

Im Sinne des Verfassungsziels gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Bayern müsse die Staatsregierung darüber hinaus dafür sorgen, dass auch in anderen bayerischen Städten hochwertige Kulturangebote zur Verfügung stehen, so Piazolo.

Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Markus Rinderspacher, erklärte in einer Pressemitteilung:

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Markus Rinderspacher appelliert an die Staatsregierung, dem Neubau eines weiteren Konzertsaals in München sofort zuzustimmen. Aus den Unterlagen, die heute dem Kabinett vorliegen, geht laut Medienberichten hervor, dass Ministerpräsident Horst Seehofer sich die Option für einen dritten Konzertsaal in der Landeshauptstadt offen hält*. Der SPD-Fraktionschef im Landtag plädiert daher dafür, Nägel mit Köpfen zu machen: „Wir sollten keine wertvolle Zeit und planerischen Kapazitäten fehlleiten und vergeuden und umgehend die Weichen für einen Neubau stellen. Ich erinnere den Ministerpräsidenten nochmals an sein Versprechen, das er den Münchner Bürgerinnen und Bürgern in seiner Regierungserklärung 2013 gegeben hat.“

Rinderspacher vermisst ohnehin die konkrete Untermauerung der Absichtserklärung eines „Neubaus im Gasteig“: „Ich sehe hier so viele Fragezeichen und Kostenrisiken, die die Weiterverfolgung dieses Projekts auf der gesamten Wegstrecke überaus fraglich erscheinen lassen“, kritisiert Rinderspacher.

Der SPD-Fraktionschef hatte sich in einem Schreiben an Kultusminister Spaenle Anfang Februar für den Vorschlag ausgesprochen, ein neues Odeon am Finanzgarten zu errichten. Das Areal liege in der Nähe anderer Kulturinstitutionen und sei gut erreichbar. Innerhalb eines Jahres könnte der Freistaat den Standort auf seine Bespielbarkeit prüfen und Umweltfragen klären. „Wie schade, dass nach der guten Vorarbeit Ihres Ministeriums die Chance zur städtebaulichen Schöpferkraft nicht weiterverfolgt wurde“, schrieb Rinderspacher.

Hinweis:
Sie können sich für einen Konzertsaal einsetzen, die Petition zeichnen Sie hier.

  • Nach Kenntnisstand heute mittag (PK mit StM Marcel Huber) soll die Option eines zusätzlichen Standorts aus der Kabinettsvorlage gestrichen worden sein.
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