Filmfest München: Julia Probst fordert mehr Untertitel, mehr Schauspieler mit Behinderung

Julia Probst, auch bekannt als @EinAugenschmaus, forderte mehr Untertitel.
Julia Probst, auch bekannt als @EinAugenschmaus, forderte mehr Untertitel.
Für uns hörende Menschen ist es kein Problem, ins Kino zu gehen. Wir hören die Tonspur und erkennen die Handlung. Für Gehörlose ist das unmöglich. Dafür bräuchte es mehr Untertitel, nicht nur im Kino, sondern auch im Fernsehen. Das Filmgespräch der CSU-Landtagsfraktion bot Julia Probst eine Gelegenheit, diese Forderung wieder einmal zu artikulieren. Julia Probst ist gehörlos, bloggt und ist vielen bekannt: Sie ist @EinAugenschmaus auf Twitter. Darüber hinaus machte sich Julia für mehr Authentizität im Fernsehen stark: Es sollen mehr Schauspieler mit Handicap besetzt werden, die ihre Behinderung glaubwürdiger spielen können als Nicht-Behinderte Mimen.

Beim Filmgespräch der CSU war ein Gebärdendolmetscher zugegen. Er trug die Forderungen von Julia Probst vor:

(5:52 / 5 MB)

Das Podium beim CSU-Filmgespräch im Gasteig.
Das Podium beim CSU-Filmgespräch im Gasteig.
Ich bin mir bewusst, dass dieses Audio nicht barrierefrei ist. Gleichwohl bitte ich um Nachsicht, als Journalist ohne eine Redaktion im Hintergrund kann ich gewisse Dinge nicht oder nur unzureichend leisten. Wenn jemand Zeit/Lust/Muße hat, eine Transkription anzufertigen, bitte einfach melden. Danke für das Verständnis!

Gleichwohl ist das Thema wichtig. Deswegen dieser Ausschnitt aus dem Gespräch vorab. Mit den Einlassungen von Bettina Reitz (BR), Prof. Dr. Klaus Schaefer (FFF Bayern) und einem Filmschaffenden aus dem Publikum.

Update (5. Juli 2015/ 16:20 Uhr): Jetzt ist das Transkript da.

Herzlichen Dank an Anneke Hänel, die es anfertigte.

Julia Probst:
Ich bin gehörlos und das heißt, ich kann Filme im Fernsehen und im Kino nur mit Untertiteln genießen. Und im deutschen Fernsehen haben wir leider prozentual noch verschwindend wenig Untertitel und es gibt keine festgelegte rechtliche Grundlage, so dass wir als Gehörlose, als Minderheitengruppe das einfordern könnten. Und ich würde mir wünschen, dass die Barrierefreiheit im Fernsehen auch bei den Filmschaffenden schon mit im Hinterkopf ist, so dass wir auch mehr Zugang zu diesen Medien haben können. Denn es gibt Möglichkeiten für Live-Untertitel, Audiodeskription, alle diese barrierefreien Methoden, die dazu beitragen, dass auch Randgruppen der Bevölkerung mehr von den Filmen, die wir im Fernsehen haben, haben können.

„Der Turm“, „Nacht über Berlin“, „Unsere Väter, unsere Mütter“ – das waren alles Produktionen, die als DVDs jetzt kaufbar sind, aber ohne Untertitel produziert wurden. Und das ist für mich eine Bedingung eigentlich für weitere Filmförderung. Denn Filme, die über die Filmförderung produziert wurden und dann als Kauf-DVDs angeboten werden, sollten auf jeden Fall auch eine Untertitelung mit auf den DVDs haben. Also da denke ich, die Barrierefreiheit sollte einfach noch ein ganz wichtiges Thema werden. Auch innerhalb der Filmförderbedingungen sozusagen.

Und die Frage der Schauspieler, also die Schauspieler, die keine Behinderung haben, spielen häufiger auch Rollen von Menschen mit Behinderung und da ist dann für mich die Frage, warum musste das so gewählt werden. Also, es gibt da leider auch, oder nicht leider, sondern es gibt zum Glück auch viele Menschen, die eine Behinderung haben, die aber auch als Schauspieler tätig sind. Warum werden dann nicht solche Rollen auch so besetzt, dass sie realistisch besetzt werden? Oder im „Tatort Leipzig“ zum Beispiel, ist eine hörende Schauspielerin als gehörloser Akteur sozusagen tätig geworden. Und uns Betroffenen fällt das natürlich sofort auf, weil wir erkennen, dass diese Person eine Schauspielerin ist, die diese Rolle zwar gut versucht zu spielen, aber wo wir einfach wissen, dass das nicht realistisch ist, weil wir das sehen. Und es gibt gehörlose Schauspieler, die diese Rolle eben auch spielen könnten. Beziehungsweise für den nichtbehinderten Zuschauer, der sich das dann anschaut, wird auch ein falsches Image weitergegeben.

Markus Blume:
Vielen Dank, und ich sag das wirklich aus voller Überzeugung, dass wir unseren Blick auch dafür schärfen, dass das Thema „Barrierefreiheit“ und „Inklusion“ nicht nur eines ist im öffentlichen Raum und nicht nur eines ist im Bildungsbereich, alle Dinge, die wir politisch ja sehr intensiv, ich grüße auch die Kollegin Mechthild Wittmann aus dem bayerischen Landtag, diskutieren, sondern auch in einer solchen Debatte Platz haben muss. Frau Reitz, wie schaut’s aus?

Bettina Reitz:
Ja, ich kann das sehr gut verstehen. Wir haben, glaube ich, schon sehr viel mehr gemacht als früher. Die barrierefreien Angebote innerhalb der ARD haben sehr zugenommen, wir haben eigentlich den Anspruch in der ARD, fast zu 100% mit den Zulieferungen aus den Landesrundfunkanstalten barrierefreie Angebote zu garantieren. Bei Kino-Coproduktionen ist es noch schwieriger, das ist ja dann auch immer auch nochmal eine Bearbeitung und eine finanzielle Frage, aber ich nehme das gerne nochmal mit.

Ich habe eine Idee, weil das auch von den Landesrundfunkanstalten nicht alles auf einmal zu 100% umgesetzt werden kann, wir haben da auf Jahre verteilt auch die Budgets, dass man, Klaus, vielleicht bei der Förderung, gerade bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ darauf achtet, dass wenn ihr bei großen Eventproduktionen oder auch Kinoproduktionen fördert, die Produzenten bittet, das doch bitte auch von vorneherein mit einzukalkulieren. Und ich glaube, dass dann niemand sagen würde bei Coproduktionen, dass dieser Kalkulationsansatz, dem nicht stattgegeben würde.

Klaus Schaefer:
Also ich kann sagen für die Filmförderung ist es für den Kinofilm, damit auch für Kino-Coproduktionen, jetzt gelöst, es ist sowohl im Filmfördergesetz des Bundes, als auch in den Richtlinien des deutschen Filmförderfonds inzwischen zwingend vorgeschrieben, barrierefreie Fassungen zu produzieren und herzustellen. Und damit ist es für die Filme, für die neuen Filme, also das gilt jetzt seit einigen Jahren, die Filme, die jetzt entstehen, werde alle barrierefreie Fassungen haben, in der Tat.

Freiwillig, bei Fernsehproduktionen sowieso, die bei uns eingereicht werden. Freiwillig, wenn der Produzent eine barrierefreie Fassung kalkuliert. Und der wird sie kalkulieren, wenn die Sender sagen, „Wir werden sie ausstrahlen.“, weil sonst macht es keinen Sinn. Und dann, also wenn es da barrierefreie Fassungen gibt, können die natürlich auch, diese Kosten, gefördert werden, das ist gar keine Frage.

Markus Blume:
Gut. Das klingt doch schon einigermaßen optimistisch. Dann darf ich um weitere Fragen bitten.

Zuschauer:
Wir im Kino arbeiten mit Hochdruck dran, dass wir für Seh- und Hörgeschädigte ab nächstem Jahr diese ganzen Techniken zur Verfügung stellen können – verschiedene, unterschiedliche Geschichten, die nicht alle gleich gut funktionieren, aber wir arbeiten von der Kinoseite her, damit diese Leute eben auch im Kino wirklich ihren Platz finden. Auch die gar nichts sehen, sind wir dabei im Moment dran zu arbeiten , ich schätze, dass wir ab nächstem Jahr in der Lage sind, hier großflächig anzufangen, diese Techniken einzubauen im Kino. Es gibt ja bestimmte Fördertools auch in diese Richtung, und die werden wir dann versuchen auch alle auszunutzen.

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