Besuch in Zirndorf. 2013, als es schon eng war.

Die Landtags-SPD macht sich ein Bild von der Wirklichkeit in Zirndorf.
Die Landtags-SPD macht sich ein Bild von der Wirklichkeit in Zirndorf.

Hinweis: Dieser Text erschien zuerst an Weihnachten 2013, als ich ein paar Tage vorher in der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf war – zusammen mit der BayernSPD. Schon damals platzte Zirndorf aus allen Nähten, die Ankömmlinge mussten teils in den Garagen untergebracht werden – im Kasernengebäude oder den Containern war schon lange kein Platz mehr.

Zugegeben: Zu Weihnachten schreibt es sich leicht zu einem Thema wie Flüchtlinge. Und auch zugegeben: Wenn die SPD zu Weihnachten ein Aufnahmelager für Asylbewerber besucht, mag man auf die Idee kommen, dass das eben zu Weihnachten gut ins Portfolio passt. Aber: Dem war nicht so, als Markus Rinderspacher, Doris Rauscher, Angelika Weikert und Arif Tasdelen die Aufnahmeeinrichtung Zirndorf besuchten.

Wandmalerei im Cafe, angefertigt von einem Künstler, der die Expo 2000 und die Repressalien seines Heimatlandes nutzte, um Asyl zu beantragen.
Wandmalerei im Cafe, angefertigt von einem Künstler, der die Expo 2000 und die Repressalien seines Heimatlandes nutzte, um Asyl zu beantragen.

Einzig anheimelnder Zufluchtsort: Das Cafe in einer der Baracken. Ansonsten sind Gebäude und Gelände in Zirndorf eingezäunt und haben oben auf dem Zaun auch noch Stacheldraht. Als ob hier jemand freiwillig rein wolle. Raus schon eher, aber das braucht bei Asylverfahren Zeit.
Die Aufnahmeeinrichtung liegt im nasskalten Winterwetter, unwirtlich. Auf den Gängen drängen sich Menschen, alte, junge, Mütter mit schreienden Kindern, die warten, bei den verschiedenen Bediensteten vorgelassen zu werden. Der Leiter der ZAE, Werner Staritz, erläutert die Geschichte der Aufnahmeeinrichtung. Die Kaserne wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern beschlagnahmt worden:

 

In die Containerzimmer müssen statt einem schon zwei Stockbetten gestellt werden. Dann können manchmal Eltern und Kinder zusammenleben.
In die Containerzimmer müssen statt einem schon zwei Stockbetten gestellt werden. Dann können manchmal Eltern und Kinder zusammenleben.

Die Aufnahmeeinrichtung ist für 740 Personen ausgelegt, die größtenteils in Containern leben müssen. Untergebracht sind derzeit in Zirndorf aber 900 Personen, „Hoffnungslos überbelegt”, so der Kommentar eines Verantwortlichen. Neuankömmlinge werden für die erste Nacht in einer LKW-Garage untergebracht. Stockbetten dicht an dicht, nachträglich wurden Heizkörper eingebaut, damit es wenigstens warm ist:

 

 

90 solcher Notbetten hat die Aufnahmeeinrichtung in Zirndorf. Verteilt auf 2 Garagen. Caritas und Rummelsberger Diakonie leisten vor Ort Hilfe und betreuen auch die Kinder, die in diesem spielerischen Rahmen Deutsch lernen. Die SPD-Abgeordneten bekamen ein Ständchen, das „Nusslied”:

 

Markus Rinderspacher und Arif Tasdelen freuen sich über das Ständchen der Kinder.
Markus Rinderspacher und Arif Tasdelen freuen sich über das Ständchen der Kinder.

Als Anerkennung für das Ständchen verteilten Angelika Weikert, Doris Rauscher, Markus Rinderspacher und Arif Tasdelen Schokolade an die Kinder. Klar, dass sich die Kinder freuen. Eines versucht sogar, eine zweite Packung zu mopsen. Zu verdenken ist es ihm nicht. Arif Tasdelen, der erste SPD-Abgeordnete im Bayerischen Landtag, der türkischstämmig ist, hat sich auf jugoslawisch oder kroatisch versucht zu verständigen:

 

 

 

In den Containerburgen sind auch Kochgelegenheiten. Möchten Sie darauf kochen?
In den Containerburgen sind auch Kochgelegenheiten. Möchten Sie darauf kochen?

Doris Rauscher lobte das Engagement von katholischer und evangelischer Kirche, damit wenigstens die Kinder diese belastende Situation ertragen können. Die zweieinhalb Stunden am Vormittag seien aber nicht ausreichend, die Verantwortlichen wünschen sich mehr:

 

 

 

 

Vordringlich sei auch eine bessere medizinische Versorgung, auf einem Grundstück nebenan wäre Platz, Widerstand der Nachbarn regt sich. Die SPD-Abgeordneten fordern nicht nur eine bessere Versorgung der Asylsuchenden, sondern darüber hinaus auch eine dritte Aufnahmeeinrichtung, Würzburg wäre neben München und Zirndorf ein Standort. Nur so könnte die Situation entspannt werden. Unterstützung bekommen Rinderspacher und Kollegen von den Mitarbeitern in Zirndorf:

 

Auf diesem Grundstück neben der ZAE könnte ein Medizinisches Versorgungszentrum entstehen. Nachbarn sind dagegen, das Landratsamt kann nicht handeln.
Auf diesem Grundstück neben der ZAE könnte ein Medizinisches Versorgungszentrum entstehen. Nachbarn sind dagegen, das Landratsamt kann nicht handeln.

Zirndorf im Dezember – auch das ist bundesrepublikanische Wirklichkeit. Die Augen erwachsener Flüchtlinge strahlen, weil sie im Internetcafe via Computer Deutsch lernen können. Die Kinderaugen strahlen, weil sie Schokolade bekommen.

Im Cafe steht ein einsamer Weihnachtsbaum, der kaum beachtet wird, die Christen, die nach Zirndorf flüchten, feiern zumeist erst am 6. Januar Weihnachten.

Markus Rinderspacher, eloquenter Fraktionsvorsitzender der SPD im Bayerischen Landtag zeigt sich betroffen und hört viel zu, schweigt, fragt und gibt nur wenige Statements gegen die Staatsregierung:

 

Schlussnotiz: Die Verwaltung wäre als erstes schon mal gut beraten, wenn der Zettel bei der Einlasskontrolle entschärft würde. Dort steht allen Ernstes, man möge die „gelbe Lagerkarte” beim Betreten bereithalten. Mehr Sensibilität, auch vor dem Hintergrund deutscher Geschichte, wäre angebracht. Das soll keine Kritik am Engagement der Mitarbeiter sein, die sich unglaublich für die Asylsuchenden einsetzen.


Disclaimer: Aus verständlichen Gründen habe ich keine sich um Asyl bewerbenden Personen abgebildet. Ebenso muss ich das Bild zur Einlasskontrolle schuldig bleiben, mich mit der Security anzulegen, schien mir nicht empfehlenswert.

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