Zum 90. Geburtstag von Ernst Mosch: Erinnerung und Annäherung an einen Musikanten

90 Jahre würde er: Ernst Mosch. Viel wird dazu in diesen Tagen geschrieben, aber auch gesendet werden. Und manches Mal stelle ich mir die Frage, warum nicht zu Lebzeiten mehr gesendet wurde. Dies soll kein arg verspäteter Nachruf und keine Laudatio sein. Aber gleichwohl eine Mischung aus Annäherung an einen Mythos und Andenken an einen, den ich mir ganz persönlich jetzt noch lebend und musizierend an den Küchentisch wünschte.

Ernst Mosch, 1986 im Saaltheater Geulen in Aachen-Eilendorf.
Ernst Mosch, 1986 im Saaltheater Geulen in Aachen-Eilendorf.

Natürlich kennen wir alle die Geschichten, die Ernst Mosch immer wieder selber erzählte: Die Flucht aus dem Egerland mit Posaune und Rasierpinsel, die Auftritte in den amerikanischen Clubs in Landsberg und anderswo, die Berufung zum ersten Posaunisten bei Erwin Lehn. Und nicht zu vergessen der Tag, an dem er ein paar Egerländer Noten aus dem Schrank holte und mit Mitmusikern spielte.

(Länge: 7:42, ca. 8 MB)

 

Die Links zu den verwendeten Lied-Ausschnitten:
Gruß an Böhmen
Grubenpferde
Bis bald auf Wiederseh’n
Blumengrüße
Alte Kameraden – Ernst Mosch und seine Original Egerländer Musikanten
Alte Kameraden – Herbert von Karajan dirigiert die Bläser der Berliner Philharmoniker
Morgen kommt der Weihnachtsmann
Alle meine Entchen (im Medley)
Südböhmische Polka
Gablonzer Perlen

Ernst Mosch und Helga Reichel, die die vor der Jubiläumstour verstorbene Barbara Rosen ersetzte.
Ernst Mosch und Helga Reichel, die die vor der Jubiläumstour verstorbene Barbara Rosen ersetzte.

Die Verschriftung des Beitrags:

(Gruß an Böhmen)

Ich habe die Musik von Ernst Mosch mit 16 Jahren kennengelernt. Im Nikolauskloster, in das ich damals ging, weil ich eigentlich Pfarrer werden wollte, gab es eine Blasmusik, „Die Fidelen Musikanten“. Jeder Schüler, der einigermaßen Noten von Fliegendreck unterscheiden konnte, hatte die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen und alsbald mit der Blasmusik durch Festzelte und Säle, über Schützenfeste bis zur Gottesdienstgestaltung durch das Rheinland zu ziehen. Alles am Wochenende, ad maiorem Dei gloria und das Stundenhonorar der Blasmusik diente dem Unterhalt des Klosters und der kostenfreien Unterbringung der Schüler, bis wir BaföG bekamen. Daneben wurden Schallplatten und Cassetten gegen eine Spende abgegeben. Soweit dieser kleine Exkurs. Die Blasmusik spielte vor allem böhmisch, Ernst Mosch. Und so arbeitete ich mich immer tiefer ins Repertoire ein. Die Folge: Ich kann heute fast noch jedes Stück mitsingen, summen – oder sogar trommeln. Doch dazu später.
Dank unseres damaligen Dirigenten lernte ich Posaune und die Sinfonik der Stücke von Ernst Mosch kennen.

(Grubenpferde-Trio)

Einmalig war auch der Gesang bei Ernst Mosch und seinen Original Egerländer Musikanten. In den Anfangsjahren wurde dieser von Ernst Mosch und Franz Bummerl bestritten, der auch Flügelhorn spielte. Ein wunderbares Duo, Mosch in der Oberstimme und eben einfach das, was der Meister selbst einmal als das Fettauge auf der Suppe beschrieben hat. Nun gut, das bezog sich auf die Musik, aber für diesen Gesang gilt das genauso.

(Bis bald auf Wiederseh’n – Gesang)

Später ergänzte Barbara Rosen den Gesang von Ernst Mosch. Leider auch zu früh verstorben. Mir gefiel sie besser als Helga Reichel, die aber auch unbestritten große Verdienste bei Ernst Mosch erwarb. Unkompliziert stieg sie nach dem Tod von Rosen ein und rettete nicht nur die Tournee 86.

(Blumengrüße)

Ein Marsch ist ein Marsch. Mag man meinen. Was wie eine Binse klingt, offenbart bei genauerem Hinsehen auch hier wieder fein abgestimmte Sätze. Besonders fein ist der fein swingende Jazz eines Ernst Mosch bei „Alte Kameraden“ zu hören.

(Alte Kameraden – Trio)

Im Vergleich dazu eine, wie ich meine, Referenzaufnahme Deutscher Märsche. Die Bläser der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan:

(Karajan – Alte Kameraden – Trio)

Ernst Mosch war nicht nur stilbildend für die böhmische Blasmusik. Auch auf Feldern, die man ihm weniger zuordnen würde, hat er Pflöcke eingeschlagen. Nicht erst zum 30. Geburtstag der Original Egerländer, als ihm seine Plattenfirma eine Produktion mit Big-Band-Sound schenkte. Auch seine Platten mit Operettenmelodien gehören zu den außergewöhnlichen Produktionen. Viel zu schade, um sie sonntagnachmittags neben Kaffee und Kuchen als Hintergrundgeräusch zu dudeln. Und wenn Weihnachten ist, dann hole ich als erstes die Platte der Original Egerländer raus. Aufgenommen übrigens in der Wieskirche. Bei aller Präzision hört man die Spielfreude und sieht das Kind mit der Trommel um den Weihnachtsbaum laufen.

(Morgen kommt der Weihnachtsmann)

Ernst Mosch war sich auch nicht zu schade, eine ganze Platte mit Kinderliedern einzuspielen. Einmal mehr zeigte sich, dass er und seine Arrangeure, allen voran Gerald Weinkopf, mit ihrer Leichtigkeit und der Sinfonik böhmischer Blasmusik zu begeistern wussten:

(Alle meine Entchen)

Das große Verdienst des Ernst Mosch: Er bewahrte viele Stücke seiner Heimat vor dem Vergessen, in dem er sie neu arrangierte und manchmal einen Liedtext dazu gab. Daneben verband er wie kein zweiter Zeit Instrumentalartistik mit Volksmusik. Und auch zeitgenössische Einflüsse und Anspielungen lassen sich bei Mosch finden:

(Fanfare aus Bis bald, auf Wiederseh’n)

Haben Sie die Trompetenfanfare erkannt? Ja genau – die Fanfare aus Lilli Marleen.
Ich kann stundenlang über einzelne Aspekte der Musik von Ernst Mosch schwärmen und erzählen, mit leuchtenden Augen, packend, ohne zu stocken, wie mir Menschen bestätigen, die das schon erlebt haben. Für’s Erste begnüge ich mich damit, morgen abend, wenn alle Tatort schauen, eine der alten Aufnahmen von Ernst Mosch rauszuholen und zu genießen. So, wie ich oft die Südböhmische Polka im Bus aufdrehte und mitpfiff oder sang, wenn alle Fahrgäste ausgestiegen waren.

(Südböhmische – Coda)

Einmal fuhr ich als Busfahrer eine Blasmusik in den Bayerwald. Die große Trommel hatten sie dabei, aber der Trommler fehlte. Der war am Vortag aus den USA zurückgekehrt und hatte Jetlag. Dirigent und Vorstand saßen im Bus hinter meinem Fahrersitz und erörterten, wie sie damit umgehen sollten. Ich mischte mich vom Fahrersitz ein und erzählte kurz von meiner Blasmusikvergangenheit. Der Deal war gemacht. Beim Frühschoppen spielte ich die große Trommel. Der Dirigent testete erstmal, ob ich den Rhythmus halten kann und auch auf ihn achte. Nach drei Stücken wurde er wagemutig. Nach und nach steigerte er die Stücke und überlegte, wo die Große Trommel Soloschläge hat. Der Haken an der Sache: Ich hatte keine Noten und musste bein Kleinen Trommler mitschauen. Aber da standen längst nicht alle Soloschläge der Großen Trommel drin. Und hier kam mir zu Gute, dass ich fast alle Arrangements von Ernst Mosch noch im Kopf hatte. Jeder Schlag saß.

(Gablonzer Perlen)

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4 thoughts on “Zum 90. Geburtstag von Ernst Mosch: Erinnerung und Annäherung an einen Musikanten

    1. Barbara Rosen lebt schon lange nicht mehr, Geboren am 04.03.1949, Gestorben am 23.05.1986, Sie wurde also nur 37 Jahre alt :-( Sie war die „Königin“ unter den Sängerinnen, Sie bleibt unvergessen.

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