Hintergleislerisch?

Kommentar

Es war eine Erlösung nach mehr als 10 Jahren, als gestern mittag Ludwig Spaenle endlich den Standort für einen neuen Konzertsaal (eine zweite, dritte oder wievielte Spielstätte auch immer) bekannt gab.

Gut ist zweifelsfrei, dass wir einen Standort haben. Und zugegeben: Es mag nicht der Wunschort sein, den viele bevorzugt haben. Ja, in der Innenstadt, im Finanzgarten oder Apothekenhof, das hätte zu der Kunst-Stadt München gepasst. Es hatte aber schon etwas Visionäres, in einer Vorentscheidung raus aus dem Zentrum zu gehen und so eine Stadtentwicklung mit voranzutreiben.

Und insofern ist die Entscheidung, dem Werksviertel den Vorzug zu geben, eine richtige Entscheidung. Hier kann weitgehend frei von Zwängen geplant werden. Schon im Vorfeld erhielten die Pläne für das Werksviertel sehr viel Zustimmung. Wer auf den verschiedenen Diskussionsveranstaltungen war, der konnte sehen, dass die Überlegungen zur Gestaltung eines Werksviertel als urbane Wohn- und Lebenslandschaft genauer als alle anderen das einfingen, was gemeinhin als Münchner Art (des Lebens) empfunden werden kann. Einkaufen, Kindergarten, Schule, Kultur, Unterhaltung, alles quasi in Laufnähe. Der Werksviertelplan hatte diese Infrastruktur am weitesten mitgeplant. Weniger verquast und großmännisch als eher bodenständig und, ja, münchnerisch. Bleibt zu hoffen, dass die Wohnungs- und Mietpreise dem nicht entgegenlaufen und die Schulen und Kindergärten, die dort geplant sind, nicht leerstehen oder „viertelsfremd“ genutzt werden.
Die Schwärmerei eines Martin Grubingers, dass man in einer solchen Umgebung und dem schnellen Wechsel zwischen „U“- und „E“-Musik seinem Liebeskummer mit Beethovens Siebter und einer Halben Bier nachhängen können, trifft dazu das Lebensgefühl der jungen Menschen eher als eine Paketposthalle in einer sterilen Umgebung. Vielleicht lässt sich das ja auch in Bauplänen umsetzen.

Bleibt die unwirtlich anmutende Gegend hinter dem Ostbahnhof. Die Entscheidung der Architekten/Planer, den Konzertsaal vom Rand des Werksviertels in dessen Mitte zu holen, ist angesichts der Ungewissheit richtig, was die Bahn denn mit ihrem Autozug-Areal anstellen wird. Dem zupass kommt, dass die Mitte des Areals als einzige noch frei war. Da konnte leicht umgeplant werden. Dass der Konzertsaal so oder so unsichtbar bleiben wird, ist messerscharf richtig geschlossen. Er soll es auch bleiben. Denn so integriert sich der Komplex ins Viertel statt wie ein Leuchtturm herauszuragen. Und der seelenlosen Leuchttürme hat es genug in München.

Auf der Rechnung steht aber auch noch die CSU-Landtagsfraktion. Diese murrt bei der dritten Startbahn und dem Vernehmen nach auch bei der Standortentscheidung zum Konzertsaal. Das manifestiert sich in einer Pressemitteilung des Bayerischen Musikrates und ist eine Baustelle, die der Landesherr und Parteichef Horst Seehofer schleunigst sichern sollte, will er es sein, der den ersten Spatenstich vollzieht.

Nicht zuletzt wird es nun aber auch auf die Stadt ankommen, die kuratieren muss, dass Münchens neues Viertel und damit der Konzertsaal nicht hintergleislerisch und vor allem nicht hinterwäldlerisch wahrgenommen wird.
Das ist die wohl schwerste Aufgabe.

Anmerkung: Gleichwohl, und so kenne und liebe ich München und Bayern, wird es noch genug Potential geben, um die Konzertsaal-Burleske weiterzudrehen. :)

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