Bayern1 schmeisst die Volksmusik raus – es ist eine Strategie pro #DAB und Radio

Mein erstes DAB-Radio (Archiv)
Mein erstes DAB-Radio (Archiv)

Nächster Paukenschlag im Wellenkonzert des Bayerischen Rundfunks. Die Volks- und Blasmusik wird von Bayern 1 auf BR-Heimat verlagert. Eine durchaus gute Entscheidung, wie ich meine.

Kommentar/Meinung

Der Bayerische Rundfunk wird die Volks- und Blasmusik zum 15. Mai von seiner Popularwelle Bayern 1 auf den Digitalkanal BR Heimat auslagern. Dass diese Entscheidung irgendwann fallen würde, war absehbar. Und: Es ist gut, dass diese Entscheidung endlich fällt. Ich habe mir 2008 mein erstes DAB-Radio gekauft (siehe Artikelbild). Auch, wenn ich es heute nicht mehr nutze (n kann), betrachte ich das immer noch als strategische Entscheidung.

Technische Argumente

Ein UKW-Sender wie der am Wendelstein strahlt zum Beispiel für Bayern 3 mit 100 Kilowatt ab. Damit reicht er bis kurz vor Ingolstadt. Ein DAB-Sender braucht nur 10 Kilowatt. Das ist auf die Fläche Bayerns berechnet eine durchaus imposante Einsparnis. Luftlinie sind das knapp 200 Kilometer. Ein DAB-Sender deckt gut 60 km ab. Sind wir großzügig und spendieren wir dem BR für diese Strecke 4 Sender: Das sind dann 40 Kilowatt statt 100. In Zeiten des Nachdenkens über Energie, der Energiewende ist das sicher ein Argument.

Digital Audio Broadcast – DAB – zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es über ein Gleichwellennetz sendet. Der große Vorteil: Von Brannenburg bis Aschaffenburg muss ich die Frequenz nicht mehr wechseln. Wer eine solche oder vergleichbare Strecke je mit dem Auto fuhr, der weiß, dass trotz RDS* Stören, Rauschen und Blubbern an der Tagesordnung waren. Das Zuhören wird hier manchmal auf eine Geduldsprobe gestellt, wenn ich ein Musikstück oder eine Moderation (mit ggf. wichtiger Information) nicht unterbrechungsfrei hören kann.

Erfahrungen

Der Freistaat Bayern hatte einmal einen Medienminister Eberhard Sinner, dem DAB am Herzen lag. Leider konnte sich seine Linie der konsequenten Digitalisierung nicht durchsetzen. Wenn ich bedenke, dass ich 2008 mein DAB-Radio kaufte, dann war das damals hoch gegriffen, aber nicht zu hoch. Es hätte schon was werden können. Leider hat eine unselige Verbindung zwischen Verlegern, die um ihre UKW-Abschreibungen fürchteten, Politikern, die keinen Mut zur Veränderung und wenig Weitblick hatten, nebst Rundfunkmitarbeitern, die (vielleicht grade im klassischen Bereich) bemängelten, dass DAB einen matschigen Sound produzieren würde, verhindert, dass DAB ein Standard werden könnte. In Deutschland.

Ich war als Reisebusfahrer unterwegs. Kaum hatte ich die Grenze nach Belgien erreicht, sah ich Autobahnschilder, die auf Verkehrssender im DAB-Netz hinwiesen. Ich kam nach England und hatte einen 70-jährigen Quartiersvater, der die BBC nur noch via DAB hörte und mir begeistert erzählte, wie einfach das sei. Das war übrigens auch 2008. Danach kaufte ich mein erstes DAB-Radio.

Programm und Ausrichtung

Natürlich sind Programmänderungen immer mit Vorsicht zu genießen. Dem einen passen sie, dem anderen nicht. Ich selber höre BR Heimat punktuell – zur Blasmusik – eines meiner Steckenpferde. Und ich gebe zu: Ich habe den Vorteil des digitalen Kabels – wenn dem nicht so wäre, und da bin ich auf Ihr Vertrauen angewiesen, hörte ich den BR digital auf DAB.

Man darf sicher die Programmpolitik des BR hinterfragen, warum die Volks- und Blasmusik aus Bayern 1 „verbannt“ wird. Im Sinne einer Durchhörbarkeit ist das logisch. Bei der derzeitigen Ausrichtung als Welle mit Rock/Pop für ein vorwiegend mittel bis altes Publikum verstehe ich das Bemühen von Bayern 1, weniger Abschaltimpulse zu liefern.

Anderseits ist es zutiefst logisch, eine Musikgattung wie die Volks- und Blasmusik auf einen eigenen Kanal zusammenzufassen. Die Freunde des deutschen Schlagers haben das schon erleben müssen, als Bayern plus an den Start ging. Warum eigentlich nicht Spartenradio?

Die Privatradios machen es vor

Je nach Vermögen, Ausrichtung und dem Wohlfühl-Feeling privater Sender streamen Privatradios ihre Kanäle für Spezielle Interessen ins Internet. Und da setzte ein weiterer Kritikpunkt an: Nicht jeder hat eine wirkliche Flat und kann den ganzen Tag das Radioprogramm hören, das ihm zusagt. DAB ist hier der Schlüssel. Programme, die jeder kennt, Programme, die spezielle Interessen bedienen, Programme, die hochspezialisiert sind.

Wir werden uns vom Vollprogramm herkömmlicher Provenienz verabschieden müssen. Eigentlich tun wir das schon seit Jahren. Es merkt nur keiner so recht, außer, wenn jemand wie der BR einen gewaltigen Schritt macht und umplant. Synergieeffekte gehören ausgenutzt. Etwas, was ich beim derzeitigen Rundfunkstaatsvertrag und seiner Umsetzung als gut gegeben ansehe.

UKW ist eingeführt und für jeden erreichbar. DAB könnte es sein, wenn deutsche Politiker und Bedenkenträger aus wirtschaftlichen und sonstigen Interessen nicht immer widersprochen hätten. Mit der genau gleichen Haltung, dass eine CD, dass ein mp3, dass sich das Internet nie durchsetzen wird, würgt man eine innovative Technik wie DAB kaputt.

Und das seit Jahren. Das ist der eigentliche Skandal. Wo ist die politische Agenda, um digitalen Rundfunk zu fördern, zu verbreiten, Kaufanreize zu setzen? Warum sind Autoradios mit DAB immer noch zwei- bis dreihundert Euro teurer als UKW-Radios?

Technik II

Es ist keinem Ernst mit der Zukunft unserer Gesellschaft. Diese ist digital. Wer etwas anderes behauptet, darf sich jederzeit eine Tracht Prügel abholen. Und natürlich darf man immer die Strategie hinterfragen, die ein öffentlich-rechtlicher Sender hinter einem vermeintlich harten Schnitt hegt. Doch: Bei allem, was man dem Bayerischen Rundfunk als Leuchtturm oder pars pro toto ankreiden mag: Der Weg ist richtig.

Gelöst werden muss dabei noch, dass einigen Beschäftigten in klassischen Wellen der Sound eines Konzertes aus dem Gasteig zu matschig klingt. Sollte aber machbar sein. Mit dem Wissen und der Erfahrung, die Rundfunktechniker in Deutschland haben. Ohne zu technisch werden zu wollen: Mit Tüftelei ist das sicher machbar.

Deutschland hat ein Radio der Zukunft verdient. DAB ist wegen eines immer noch nicht flächendeckenden Netzes im Nachteil. Ein Umstand, den Radio, den DAB nicht verdient hat.

*Radio Data System, die Durchschaltung auf die nächstbessere Frequenz

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2 thoughts on “Bayern1 schmeisst die Volksmusik raus – es ist eine Strategie pro #DAB und Radio

  1. Das ist ganz bestimmt toll.

    2007 wurde in der Schweiz diverse Volksmusik – von SRF 1 auf die SRF Musikwelle verschoben, das gab damals auch ärger.

    Damals war DAB in der Schweiz noch nicht sehr bekannt.
    Ende 2008 wurde in der Schweiz die Mittelwelle (Landessener Beromünster) abgestellt, wo ja die SRF Musikwelle verbreitet wurde. Man musste auf DAB/DAB+-Nachrüstung/DAB+-Autoradio umsteigen.
    Seitdem geniesse ich DAB+ im Fahrzeug mit DAB+-Autoradio.

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