Im Visier der Meute – Was darf Recherche von Journalisten?

Journalisten müssen recherchieren – aber dürfen sie auch in der Privatsphäre von Menschen stöbern? Sie müssen berichten – aber dürfen sie jedes Ergebnis ihrer Recherche, jedes Foto, jedes Video publizieren? Auch für Journalisten gibt es Grenzen – allein, wo liegen sie?

Diese Grenzen wollte eine Tagung in der Akademie für politische Bildung aufspüren. Zusammen mit „netzwerk recherche“ und der Bundeszentrale für politische Bildung kamen 90 Medienschaffende an den Starnberger See. Im Mittelpunkt des Programms standen jene Menschen, über die Journalisten intensiv recherchieren und ausführlich berichten. Dabei ging es selbstkritische auch um die Frage, ob Journalisten nicht immer wieder übers Ziel hinaus schießen im Umgang mit Menschen, die im öffentlichen Interesse stehen.

Steffen Burkhardt (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) beleuchtete die Skandal-Spirale.
Steffen Burkhardt (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) beleuchtete die Skandal-Spirale.

Professor Steffen Burkhardt ging gleich in die Vollen: Er erinnerte an einige der Skandale um Prominente. Interessant ist, dass er eine Skandaluhr entwickelt hat:

 

Die „Skandaluhr“.
Die „Skandaluhr“.

Dabei sind, so Burkhardt, Skandale per se nicht schlecht:

Erklären, einordnen

Bereits zu Beginn der Tagung erinnerte Bernd Kastner vom netzwerk recherche an den Jahrestag von Winnenden, an den Absturz der German Wings-Maschine vor fast einem Jahr und an das Zugunglück von Bad Aibling. In der Berichterstattung hatten Journalisten teils tragische Rollen gespielt. Der Druck und die Anspannung seien aber kein Grund, das Handwerk der ruhigen und angemessenen Berichterstattung ruhen zu lassen.

Dr. Michael Schröder von der Akademie führte in die Tagung ein.
Dr. Michael Schröder von der Akademie führte in die Tagung ein.

Dr. Michael Schröder von der Akademie in Tutzing fasst zusammen, um was es in den Panels und Vorträgen geht:

Man hört auch auf, sich selbst zu vertrauen

Frei und offen erzählte Susanne Gaschke von ihrem Aufstieg zur Oberbürgermeisterin von Kiel, dem Stolpern und der Rückkehr in das Leben als Journalistin. Nach den Vorgängen in Kiel wollte sie dort nicht bleiben, sie hätte, so sagte sie, nicht mehr publizistisch arbeiten können. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet für die „Welt“. Im Kollegenkreis ist sie nach anfänglicher Skepsis akzeptiert. Trifft sie ehemalige Politiker-Kollegen, dann „gehe ich in ’ne andere Ecke“.

Julia Stein im gespräch mit Susanne Gaschke, die sowohl Journalismus als auch Politik kennt.
Julia Stein im Gespräch mit Susanne Gaschke, die sowohl Journalismus als auch Politik kennt.

„Was wollen wir für Zombies in der Politik haben?“ – eine rhetorische Frage, aber auch das Glaubensbekenntnis einer Journalistin. Zu hartes, spitzes Nachfragen auf den Punkt zeitigt nur, dass der Politiker zumacht und man keinen Einblick mehr in sein Leben bekommt. Was die Skandalisierung und Berichterstattung angeht, rät sie Journalistenschülern durchaus mal, den eigenen Namen in die Schlagzeile zu schreiben. Sich einfach in die Position des anderen hineindenken.

Hat sich das Arbeiten von Susanne Gaschke verändert?


Der erste Tag von #meute16 ging mit dem Film über den Kachelmann-Komplex zu Ende. Eine notwendige Umplanung, da Jörg Kachelmann krankheitsbedingt verhindert war.

Nach fünf Minuten hat mich der erste Journalist beschimpft

Sabine Kehm ist Mangerin von Michael Schumacher. In Auszügen sinngemäße Zitate aus dem Gespräch mit René Hofmann:

Die Nachricht hat mich so erreicht, wie mich oft Nachrichten erreichen: Ich habe einen Anruf erhalten, ob ich bestätigen könne, dass Michael einen Unfall gehabt hätte.
Ich konnte es nicht bestätigen, ich war im Urlaub, wie viele in der Zeit.
Nach fünf Minuten hat mich schon der erste Journalist beschimpft, warum ich den Unfall nicht bestätigen würde.
Ich habe an dem Nachmittag sehr viele Anrufe erhalten und selbst versucht, Informationen zu bekommen und Michael zu erreichen.
Wir mussten versuchen, das Krankenhaus abzusichern, auch mit Security. Wir mussten die Journalisten weghalten, weil das medizinisch schwierig gewesen wäre.
Ich kann verstehen, dass man darüber berichten muss und dass es ein großes Interesse gibt. Aber ich glaube, dass man als Journalist sich auch fragen muss, was und wie man berichtet.
Der Parkplatz und die Krankenhaushalle waren sehr voll. Besucher anderer Patienten wurden angesprochen, ob sie was wüssten.
Es war chaotisch.

 

Sabine Kehm schildert im Gespräch mit René Hofmann (SZ), wie sie die Nachricht vom Unfall Michael Schumachers erreicht hat.
Sabine Kehm schildert im Gespräch mit René Hofmann (SZ), wie sie die Nachricht vom Unfall Michael Schumachers erreicht hat.

Es gab auch mehrfalls den Versuch von Angehörigen anderer Patienten, Geld von Journalisten zu bekommen. Die liefen rum und boten Informationen über Michael an.
Die Ärzte wurden von Besuchern angesprochen, ob sie nicht wenigstens mal ein Foto mit dem Handy machen könnten, ob es da Möglichkeiten gäbe.

Die Trennung von Rennfahrer und Privatmann

Im Großen und Ganzen haben sich die Medien dran gehalten, aus dem Privatleben von Michael und Corinna nicht zu berichten. Wenn er sozusagen in der Schweiz war, war klar, dass er Privatmann war. (…) Michael hat mir mal in einem langen Gespräch gesagt: Du brauchst mich das nächste Jahr nicht anrufen, ich tauche ab. Ich glaube, das war sein heimlicher Traum, das manchmal machen zu können. (…) Deswegen möchte ich auch jetzt seine Würde schützen, in dem ich nichts nach außen dringen lasse.

Und die Kinder?

Auch von den Kindern Gina und Mick ist Kehm die Managerin. Wie bei Michael, versucht sie, die Privatsphäre zu schützen. Ihrer Meinung nach würde die breite Öffentlichkeit die Berichterstattung über kleinere Sportarten nicht wahrnehmen, wenn diese nicht von den Kindern von Michael Schumacher ausgeübt würde:

 

Unter drei

Unter drei: der Anwalt von Bundespräsident a.D. Christian Wulff sprach im geschützten Rahmen - es waren für Berichterstatter gute und wertvolle Einblicke in Auswirkungen ihrer Arbeit.
Unter drei: Gernot Lehr, der Anwalt von Bundespräsident a.D. Christian Wulff sprach im geschützten Rahmen – es waren für Berichterstatter gute und wertvolle Einblicke in Auswirkungen ihrer Arbeit.

Gernot Lehr mit einem Appell an Berichterstatter in Krisensituationen:

 

„Lasst uns in Ruhe trauern“

Diskussionsrunde nach beeindruckenden Statements zum Verhalten der Medien nach Katastrophen (Audioauszüge nachstehend)
Diskussionsrunde nach beeindruckenden Statements zum Verhalten der Medien nach Katastrophen (Audioauszüge nachstehend)

Am Samstagnachmittag gab es eindrucksvolle Vorträge von Betroffene und Journalisten, die mit den Katastrophen und Vorgängen in Winnenden und Haltern (German-Wings-Absturz) zu tun hatten oder betroffen waren.

Mika Baumeister, Schüler des Joseph-König-Gymnasium in Haltern. Schüler und Lehrer der Schule waren in der Maschine 4u9525. Er hat dort Abitur gemacht und ist jetzt freier Journalist:


Lesetipp: Umgang der Medien mit Schülern und Angehörigen in Haltern

Am 11. März 2009 ist Winnenden von jetzt auf gleich in allen Schlagzeilen. 15 Menschen wurden Opfer eines Amoklaufs.
Frank Nipkau, Redaktionsleiter der Winnender Zeitung, berichtete von den Summen, die Medienvertreter für Exklusiv-Fotos zahlten. Und auch vom ehemaligen Schulfotografen, der Bilder der (minderjährigen!) Schüler über einen Anwalt zum Verkauf anbot. Nipkau appellierte eindrücklich an die anwesenden Journalisten, dass sie nie traumatisierte Menschen interviewen sollten.


Er trug Regeln für die Berichterstattung bei Katastrophen vor, die über den Pressekodex hinausgehen. Diese wurden in Bitten formuliert:


Sven Kubick kam erst ein Jahr nach dem Amoklauf als Leiter der Albertville-Realschule nach Winnenden. Er schildert aus dieser Position heraus, dass das Misstrauen gegenüber Medien in der Zeit nach dem Amoklauf wuchs. Nur ein paar Medien hätten zurückhaltend berichtet. Die Lokalzeitung, die Stuttgarter Zeitung und bis heute der BR:


Gisela Mayer verlor eine Tochter beim Amoklauf. Sie engagiert sich im Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Nach dem Amoklauf wurde sie angerufen und kam genau in das Chaos an der Schule, das Medien mit ihrem Auflauf verursachten. In der Folge machte sie, wie sie selbst sagt, einen Fehler, den sie nie mehr begehen wird:


Aber Mayer sagte auch: Berichterstattung ist nach einem solchen Vorfall nicht zu vermeiden. Nur, dass diese sich ändern müsse.
Petra Tabeling schilderte aus Journalisten- und Trainersicht, wie man Berichterstattung über Unglücke anders – und besser machen kann.

 

Am Zug – Medien in Bad Aibling

Rudolf Bögel (tz), Moritz Schwegler, Journalistin und Mutter Petra Schwegler, Moderator Günther Bartsch diskutieren das Boulevard zu Unglücken.
Rudolf Bögel (tz), Moritz Schwegler, Journalistin und Mutter Petra Schwegler, Moderator Günther Bartsch diskutieren das Boulevard zu Unglücken.

Erregte Diskussion am Abend des zweiten Tages. Der Chefredakteur der tz, Rudolf Bögel, wagte sich in die Höhle der Meute und sah sich heftiger Kritik an der Berichterstattung des Boulevards bei Unglücken ausgesetzt. Petra Schwegler befeuerte das Panel auf der Bühne, ihr Sohn saß in einem der Unglückszüge. Viele störten sich daran, nicht nur beim Unglück bei Bad Aibling, sondern auch bei anderen Berichten (siehe Bild oben). Wortmeldung aus dem Publikum: „Jedes Foto eines Toten, von dem sie nicht die Zustimmung haben, ist nicht würdevoll.“ (Kuno Haberbusch) – Da hatte Rudolf Bögel keinen guten Stand. Bilderklau bei Facebook, Bilder im Bekanntenkreis besorgen, Bilder nicht verpixeln. Die Anwürfe waren zahlreich und teils sehr emotional. Da hatte sich wohl auch am Nachmittag sehr viel aufgestaut in Sachen Trauma und Traumajournalismus.
Trotzdem muss man Rudolf Bögel danken, dass er sich (im Gegensatz zu Vertretern von BILD) an den Starnberger See traute:

 

An der Grenze

Dritter Tag von #meute16. Alina Jabarine berichtet von einer Under-Cover-Recherche für den NDR in Flüchtlingsunterkünften. Jürgen Soyer arbeitet für Refugio. Refugio bietet Menschen auf der Flucht Unterkunft und Betreuung.

Jürgen Soyer und Alina Jabarine berichten von Menschen auf der Flucht. Es moderiert Günther Bartsch.
Jürgen Soyer und Alina Jabarine berichten von Menschen auf der Flucht. Es moderiert Günther Bartsch.

Was bei beiden wichtig ist: Flüchtlinge vor Schaden zu bewahren. Was sich komisch liest, hast aber beides miteinander zu tun. Als Under-Cover-Reporterin, sagt Jabarine, sie habe viel Verntwortung. Gerade auch, was das transportierte Bild angehe. Zu viele Medien wollten nur Klischees bedient haben. Aktuell nach Köln zum Beispiel das vom grapschenden Nordafrikaner. Derzeit begleitet sie Flüchtlinge in einem Langzeitprojekt über ein Jahr. Ihre Erfahrung: Es gibt nicht „die“ Flüchtlinge. Sie sind einzeln unterschiedliche Menschen:


Kolleginnen und Kollegen rät Jabarine von Schnellschüssen ab:


Jürgen Soyer sagte, dass er bei Refugio darauf achtet, welche Journalisten seine Schützlinge interviewen dürfen. Eine Frage des Vertrauens:

 

„Das Kriegsbeil ist begraben, ich weiß aber wo“

Nico Fried und Peer Steinbrück. Gelegenheit für den Ex-Kanzlerkandidaten, den Journalisten plakativ vorzuhalten, dass er sich falsch reportiert fühlte.
Nico Fried und Peer Steinbrück. Gelegenheit für den Ex-Kanzlerkandidaten, den Journalisten plakativ vorzuhalten, dass er sich falsch reportiert fühlte.

Früheren Rivalen und Gegner tritt Peer Steinbrück nicht mehr nach. Darüber hinaus glaubt er, dass die immer wiederkehrende Frage nach dem politischen Überleben der Kanzlerin in der derzeitigen Situation „hochgejazzt“ ist. Den weitaus größeren Teil des Gespräches nutzte der SPD-Politiker, um den Journalisten Feedback zu geben, wie er deren Arbeitsweise zu Zeiten seiner Kanzlerkandidatur erlebt habe. Die Berichterstattung sei zu wenig auf Inhalte bezogen gewesen. Dagegen: Pinot Grigio, Stinkefinger, Vortragshonorare, Polit-Clowns … – die Liste der mit Peer Steinbrück verbundenen Anekdoten und Schlaglichter ist lang. Seine Sicht auf das Verhältnis von Journalisten und Politikern:


Mit Peer Steinbrück endete auch die Tagung in der Akademie für politische Bildung am Starnberger See. Es waren drei Tage mit spannenden Themen, mit einer notwendigen und guten Nabelschau der Berichterstattung.
Die Akademie für politische Bildung hat ein Storify aufgesetzt, das netzwerk recherche bloggte live. Bei Twitter ist der Hashtag #meute16 hilfreich zum Verfolgen der Veranstaltung.

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