Bier ist der Wein dieses Landes – Ausstellung im Jüdischen Museum München

500 Jahre Reinheitsgebot – und die Geschichte des Bieres hat in Bayern mehr mit dem Judentum zu tun, als man zunächst vermutet. Die Union-Brauerei aus München war einst die zweitgrößte Brauerei der Stadt und kaufte sogar Löwenbräu auf. Diese und viele andere Geschichten gibt es ab Mittwoch im Jüdischen Museum München zu sehen.

Ein Einblick in die Ausstellung.

Der Zoigl-Stern, der bei den Saisonbrauern (ähnlich einer Buschenschenke) anzeigte, dass es frisch gebrautes Bier gibt.
Der Zoigl-Stern, der bei den Saisonbrauern (ähnlich einer Buschenschenke) anzeigte, dass es frisch gebrautes Bier gibt.

Der Titel mutet seltsam an, aber Bernhard Purin, der zusammen mit Lilian Harlander die Ausstellung am Jakobsplatz konzipiert hat, klärt schnell auf: Im Talmud ist es festgeschrieben, dass da, wo kein Wein für Rituale vorhanden ist, auch Bier genommen werden darf:


Das erste Objekt, das einem begegnet, ist die Darstellung einer ägyptischen Brauerei.

Ägyptische Brauerei, angefertigt im Deutschen Museum München, 1920er Jahre.
Ägyptische Brauerei, angefertigt im Deutschen Museum München, 1920er Jahre.

Bernhard Purin:

 

GHut 4000 Jahre alt sind diese ägyptischen Bierkrüge.
Gut 4000 Jahre alt sind diese ägyptischen Bierkrüge.

In Israel ist das Brauen eine sehr beliebte Tätigkeit, dort gibt es viele Craft-Brauereien. Wie eng das Bier mit dem Glauben verbunden ist, sieht man daran, dass es sogar Chanukka-Sets gibt: Ein Karton mit neun Sorten Bier, die allabendlich nach dem Genuss einer Flasche zum Leuchter erweitert werden können.

Bierflaschen - auch als Chanukka-Leuchter verwendet werden können.
Bierflaschen, die auch als Chanukka-Leuchter verwendet werden können.

Aber zurück nach Bayern. Die Juden wurden auch im 15. Jahrhundert aus den Städten vertrieben, viele zogen aufs Land. Das traditionelle Hopfenanbaugebiet in der Hallertau zum Beispiel wurde vornehmlich von Juden aufgebaut, die schnell lernten, mit dem Hopfen zu handeln und ihre Expertise wie ihren Augapfel hüteten:

 

Hopfensäcke - einer der Fixpunkte in der Ausstellung.
Hopfensäcke – einer der Fixpunkte in der Ausstellung.

Die Union-Brauerei war die größte Münchner Brauerei, die den heimischen Markt belieferte. Sie wurde von Josef Schülein geleitet, einem aus Mittelfranken stammenden Juden. Nach dem ersten Weltkrieg fusionierten die Brauereien, wobei Schülein Löwenbräu erwarb. Lilian Harlander:

 

Ein Modell der Schloßbrauerei Planegg.
Ein Modell der Schloßbrauerei Planegg.

Doch die Geschichte der jüdischen Brauherren geht noch weiter zurück. In den 1830er Jahren errichtete die freiherrliche Familie von Hirsch die Schloßbrauerei Planegg. Lilian Harlander:


Hermann Schülein emigrierte während des Dritten Reiches. Die Nazis hatten seinen Rücktritt als Brauereichef erzwungen. Eigentlich, so erzählt es Bernhard Purin, wollte er in die Schweiz. Doch die Schweizer Brauer wollten, dass er sein Handwerk ruhen lasse. So lernte Hermann Schülein Englisch und ging in die Staaten. Dort wurde er schnell Direktor der Liebmann Brewery in New York. Die Prohibition war grade vorbei, da gab er bekannt, dass er ein neues Bier brauen wolle:

 

Rückblick auf die erfolgreiche „Rheingold“-Werbekampagne.
Rückblick auf die erfolgreiche „Rheingold“-Werbekampagne.

Schülein setzte zum ersten Mal Werbeträger ein, auch Nat King Cole wurde ein Werbeträger für die neue Marke Rheingold. Dazu gab es Miss-Wahlen, die den Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit von „Rheingold“ steigerten. Wiggerl Hagn, einer der bekannten Münchner Oktoberfestwirte, war eine Art Ziehsohn von Schülein. Denn der ließ nach dem Krieg den Kontakt nach München nicht abreißen, bis zu drei Monate im Jahr verbrachte er hier. Bernhard Purin kann so einige Schnurren und Anekdoten erzählen:


Auch der damalige Münchner Oberbürgermeister Thomas Wimmer war nicht sicher vor den Marketing-Aktivitäten Schüleins. In der New York Times findet sich eine Anzeige, in der der „Dammerl“ ein Rheingold in der Hand hält.

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Der Münchner OB Thomas Wimmer mit einem Rheingold. Werbung aus der New York Times.

Neben dem klassischen Braugewerbe entwickelte sich in München aber auch noch ein anderer Berufszweig in den 1800-er Jahren: Der des Bierkrugveredlers.

Erste veredelte Bierkrüge. Später wurde ein Berufszweig daraus. viele weitere Exemplare sind in der Ausstellung zu bewundern.
Erste veredelte Bierkrüge. Später wurde ein Berufszweig daraus. Viele weitere Exemplare sind in der Ausstellung zu bewundern.

Junge Juden zogen vom Land in die Stadt, weil sie hofften, Arbeit zu finden. Und das Bemalen von Bierkrügen war eine der Tätigkeiten. Die ansässigen Zinngießer konnten die Nachfrage nicht befriedigen. Und so gibt es in der Ausstellung wunderbar verzierte Bierkrüge zu sehen. Viele davon extra für die Ausstellung ersteigert. Bernhard Purin:


In der Ausstellung „Bier ist der Wein dieses Landes“ gibt es noch viele weitere interessante Sachen zu entdecken, zum Beispiel die Geschichte von Schloß Kaltenberg, eine Brauerei, die Josef Schülein nach der Fusion mit Löwenbräu aufbaute. Oder noch viel genauer die Geschichte des Zoigls. Oder die Zusammenhänge mit der Craftbier-Szene. Alle Infos auf der Website des Museums. Und wer nicht nur übers Bier lesen und schauen will, sondern auch verkosten möchte, dem seien die Führungen mit den Kuratoren empfohlen.

Ein Heimbrauerset, das den Ruhm einiger heutiger israelischer Brauereien begründet hat.
Ein Heimbrauerset, das den Ruhm einiger heutiger israelischer Brauereien begründet hat.

Die Ausstellung läuft bis zum 8.1.2017.

Empfehlenswert ist auch das Blog des Jüdischen Museums, die Kollegen begleiten die Ausstellung immer wieder mit ungewöhnlichen Einblicken.

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