Tweets, Blogs … und dann? – #apbdigital

Wie sieht der Journalismus des 21. Jahrhunderts aus? Wie wirkt die Digitalisierung in den Berufsstand hinein, wie verändert Digitalisierung die Arbeitsweisen? Was müssen Journalisten heute können? Am besten alles: Print-, Audio- und Videoformat. Dazu bearbeitet er mehrere Themen gleichzeitig. Die Reaktionen des Publikums auf verschiedenen medialen Kanälen hat er idealerweise im Blick. Dabei soll er tiefer bohren als die Konkurrenten, schneller und öffentlichkeitswirksamer sein.

Themen der Tagung in der Akademie für politische Bildung sind das Sichern journalistischer Qualität trotz oder gerade wegen Beschleunigung, der Nachrichtenflut, die über uns jeden Tag hereinbricht, Clickbaiting (also das Erzeugen von Überschriften, die – nicht immer mit dem Gehalt des Artikels korrespondierend – zum Klicken auf die Überschrift und Lesen des Artikels verleiten), Datenjournalismus, Recherche und Verifizierung im weltweiten Netz und Informantenschutz. Was bedeutet das auch für die Ausbildung des Nachwuchses? Welche Rolle spielen Soziale Medien, wie werden sie in den Alltag eingebunden?

Sebastian Haas, Pressereferent und einer der Tagungsleiter der Akademie für politische Bildung
Sebastian Haas, Pressereferent und einer der Tagungsleiter der Akademie für politische Bildung

Sebastian Haas zur Tagung:

Gesellschaft braucht Journalismus

Professor Ralf Hohlfeld (Uni Passau) konstatierte in der Keynote, dass der Journalismus sowohl ein Qualitäts- als auch ein Qualitätssicherungsproblem habe.
Professor Ralf Hohlfeld (Uni Passau, Lehrstuhl Kommunikationswissenschaft) konstatierte in der Keynote, dass der Journalismus sowohl ein Qualitäts- als auch ein Qualitätssicherungsproblem habe.

In seiner Keynote machte Professor Ralf Hohlfeld von der Uni Passau klar, dass der Journalismus sowohl ein Qualitäts- als auch ein Qualitätssicherungsproblem habe. Neue Informations- und Kommunikationsangebote, der Facebook Newsfees, die Twitter Timeline, die personalisierte Suche bei Google sorgen dafür, dass Nutzer (also auch Medien-Konsumenten) mehr und mehr in ihrer „Filterbubble“, der Informationsblase leben. Hat Hohlfeld ein Rezept, wie die einzelnen Bubbles sich wieder zu einem großen Informationspool zusammenfügen lassen?


In der Ausbildung, so Hohlfeld, dürfe neben allem multi-, cross- und transmedialem das klassische Handwerk nicht vernachlässigt werden. Der Journalist dürfe seinem Publikum auch nicht hinterherlaufen, sondern müssen autonom Themen setzen. Und das Arbeitsethos sei immer noch wichtig: Abgrenzen von gesellschaftlichen Eliten (Politik!) gehört seiner Meinung nach auch dazu.
Die Gesellschaft brauche Journalismus, der Orientierung und Grundlagen für gute Entscheidungen böte. Daneben brauche es auch Aufklärung: Zu viele „besorgte Bürger“ seien der Meinung, dass Journalisten eine Konzession bräuchten und damit berichten müssten, wie die Regierung es wolle. Dass der Beruf des Journalisten aber einen freien Zugang habe, sei nicht bewusst (oder werde verdrängt). Dann erfahre der Beruf auch wieder mehr Wertschätzung:

 

Joachim Braun (FNP), Dr. Michael Schröder, Petra Sorge (Cicero) und Ralf Hohlfeld diskutierten u.a. über die erzieherische Funktion von Bezahlschranken.
Joachim Braun (FNP), Dr. Michael Schröder, Petra Sorge (Cicero) und Ralf Hohlfeld diskutierten u.a. über die erzieherische Funktion von Bezahlschranken.

Sind Bezahlschranken die Lösung der Existenzkrise im (Lokal-)Journalismus? Wie kann der Lokaljournalismus verbessert werden? Was müsste denn Journalismus als Mehrwert bieten?

Petra Sorge, Cicero:


Und wie kann der Journalismus verbessert werden?


Joachim Braun war lange Jahre beim Tölzer Kurier, zuletzt als Redaktionsleiter, 2011 wechselte er nach Bayreuth, nun ist er Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse. Wie kann seiner Meinung nach der Journalismus verbessert werden?

Schellkopf: Die Zukunft des Printjournalismus ist online.

In einem Kurzvortrag und einer Fragerunde führte Holger Schellkopf, Online-Chef der Mittelbayerischen Zeitung und stellvertretender Chefredakteur aus, dass der Onliner anders denken muss als der Printkollege – und vor allem: Sich für die Bereiche, die er nicht bewerkstelligen kann, Kollegen suchen muss. Dazu gehört aber auch, dass ein Zeitungsunternehmen nicht nur Journalisten und Werbeverkäufer, sondern genauso gut auch Coder braucht:

„Redaktion so aufstellen, dass sie auch morgen funktioniert, reicht nicht“

Tobias Köhler stand bzw. steht bei der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) vor der Aufgabe, zwei Redaktionen, die von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten zusammenzuführen. Der Leiter Strategie und Innovation bestätigte die Thesen von Joachim Braun und Holger Schellkopf, dass es eine gehörige Portion Mut und Begeisterung braucht, neue Wege zu gehen. Mitarbeiter aufrütteln, damit ie einmal eingedachte Pfade verlassen. (Über die Methodik mag man an mancher Stelle streiten.) Und wie muss nach Meinung von Köhler eine Redaktion, eine Verlagsmannschaft aufgestellt sein?


Am Abend stellten Fariba Sattler ein Onlineprojekt der Sindelfinger/Böblinger Zeitung, Lorenz Maroldt und Stefanie Golla den Checkpoint und Regina Lechner das neukoellner.net als gelungene, innovative Online-Projekte vor.

Digitale Ausbildung braucht ein digitales Gesamtkonzept

Ausbidungskonzepte sind im ständigen Wandel und nicht festzementiert, sagt Christine Schröpf. Sie verantwortet die Volontärsausbildung bei der Mittelbayerischen Zeitung in Regensburg. Ein Beispiel war die Diskussion um Snapchat: Schröpf rät, offen für Neues zu sein, einfach auszuprobieren und dann im Einzelfall in den Redaktionen zu entscheiden, ob und wann ein Einsatz sinnvoll ist.

In verschiedenen Workshops trainieren die Volontäre unter Anleitung immer wieder die klassischen Darstellungsformen wie auch die multimedialen Darstellunsgformen. Bei allem gilt aber, so Schröpf: „Wir sind ein Zeitungshaus.“ Es muss halt immer zur Zeitung passen.

Christine Schröpf leitet die Volontärsausbildung bei der Mittelbayerischen Zeitung.
Christine Schröpf leitet die Volontärsausbildung bei der Mittelbayerischen Zeitung.

Die Volontäre, die sich bewähren, werden gerne übernommen und haben bei der MZ beste Aufstiegsschancen in Schlüsselpositionen. Denn Geschichten werden mit unterschiedlichen Mitteln erzählt:


Zur aufkeimenden Debatte zwischen analog und digital fand Christine Schröpf, dass es da keinen Gegensatz gebe:

 

Clemens Finzer leitet die Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk: Volontäre sind gefragt, aber das Haus strukturiert sich um.
Clemens Finzer leitet die Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk: Volontäre sind gefragt, aber das Haus strukturiert sich um.

Beim Bayerischen Rundfunk werden Jahr für Jahr zwölf Volontäre aufgenommen und ausgebildet. „Noch“, sagt Clemens Finzer, der die Ausbildung beim BR leitet. Die Personalsituation ist zweischneidig, meint er: Es müssen Stellen abgebaut werden, es darf kein fester Mitarbeiter entlassen werden und gleichzeitig braucht das Haus multimedial affine Journalisten. Wie schafft es der BR, diese Volontäre zu finden?

Old school und digitaler Dünkel

Andreas Wolferrs und Michael Schröder. Wolfers plädierte dafür, Nachwuchs auszusuchen, der „was im Kopf hat“.
Andreas Wolferrs und Michael Schröder. Wolfers plädierte dafür, Nachwuchs auszusuchen, der „was im Kopf hat“.

Andreas Wolfers leitet die Henri-Nannen-Schule. Er plädiert dafür, dass bei allem Digitalen Hype das Handwerk im Mittelpunkt stehen müsse. Denn Journalismus ist vor allem immer: Textübermittlung. Dabei kann das Digitale helfen. Digitale Tools seien aber kein digitaler Journalismus.


„Wir brauchen Leute, die was im Kopf haben.“ Wolfers drückte es mit dem Bonmot des „Halbwissens in ganz vielen Bereichen“ aus. Ein bemerkenswerter Satz.

Michael Schröder, Gudrun Riedl und Michael Wegener diskutieren die Verifikation von User Generated Content und die veränderten Anforderungen an Redaktionen.
Michael Schröder, Gudrun Riedl und Michael Wegener diskutieren die Verifikation von User Generated Content und die veränderten Anforderungen an Redaktionen.

Der Dialog mit dem Nutzer

Die Zeiten, wo sich der Bild- und Videoredakteur auf seine Quellen, also unter Vertrag stehende Korrespondenten, verlassen und an die Elbe setzen konnte, sind vorbei. Mit dieser romantisierenden Erinnerung an den Beginn seiner Tätigkeit stieg Michael Wegener von ARD-aktuell in seinen Vortrag ein. Er stellte nützliche Tools vor, allen voran Image Reverse Search von Google, mit dem man recht einfach, schnell und unkompliziert die Echtheit von Bildern anhand von Vergleichen überprüfen kann.
Bei der ARD heißt Recherche heute heißt auch schon mal, dass ein Team von Journalisten zwei Stunden recherchiert, um eine Minute Video zu überprüfen. Diese und ähnliche Vorgänge macht Michael Wegener auch im Blog der Tagesschau transparent.


Und auch Gudrun Riedl berichtet ähnliches. Der User Generated Content (UGC) muss verifiziert werden, es wäre mehr als fahrlässig, Videos, Bilder oder O-Töne ohne gesicherten Hinweis auf die Herkunft zu senden. Und oft helfen Soziale Medien auch, mehr Informationen zu bekommen. Und immer wieder wird recherchiert, selbst, wenn es um 24 Stunden Bayern geht.

Regina Lechner (neukoellner.net) und Kerstin Dolde (Frankenpost) berichteten aus dem Kontakt mit dem Leser.
Regina Lechner (neukoellner.net) und Kerstin Dolde (Frankenpost) berichteten aus dem Kontakt mit dem Leser.

Kerstin Dolde ist Leseranwältin bei der Frankenpost. Ist die Arbeit für und mit dem Leser mehr Frust oder Lust?


Bleibt die Frage nach dem Fazit. Ist der Journalismus (der ja nie in einer Krise steckte!) nun gerettet, Dr.  Michael Schröder?

 

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Wer es kürzer mag: Die Akademie hat ein Storify erstellt, auch das B5 Medienmagazin wird in einer kommenden Ausgabe über die Tagung berichten.

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