Barmherzigkeit ist ein langer Weg

Wenn man ihm zuhört, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, da säße einer, der in Stellvertretung Gottes selber die Barmherzigkeit pflege, ab und an auf seine Schäfchen in den Redaktionen sehe, alle möge, ob die Schwarzen oder die Roten, und ansonsten neben dem lieben Gott der einzig gute Mann auf der Welt sei. Aber in Niederbayern ist die Welt weitgehend noch in Ordnung, hört man heraus. Und mit der Abendzeitung kann man auch München zu einem besseren Dorf machen.

Verleger Professor Dr. Martin Balle im Gespräch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher. Foto: Gudrun Rapke
Verleger Professor Dr. Martin Balle im Gespräch mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher. Foto: Gudrun Rapke

Ein Frage- und Antwortspiel mit Markus Rinderspacher (SPD-Fraktionschef) und Martin Balle (Verleger Straubinger Tagblatt und Münchner Abendzeitung)

Die Barmherzigkeit hat Balle schon früh erfahren. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Abends bei den Pallotinerinnen bekommt der Student den milden Blick auf die Welt mit. Er ist Chaffeur des Jesuitenpaters Reinhold Iblacker,

Wo beginnt Fairness, wo beginnt Barmherzigkeit?

Der Protestant Markus Rinderspacher zitiert die 14 Werke der Barmherzigkeit, ganz im Sinne von Papst Franziskus. Balle wird gegenteilig begrifflicher: Formel 1, Sozialpolitik, Guttenberg, Wulff, sein Kauf der Abendzeitung.

Wir wissen vieles und schreiben nicht alles

Hochproblematisch sei sie gewesen, die Frau Goderbauer-Marchner, die Nachrufe in der Zeitung aber barmherzig, so Martin Balle. Er wolle eine Zeitung machen, die wohlwollend ist, „ja, wohlwollend“ vergewissert er sich selbst im Echo. So ganz anders als die Krawall-Talkshows im Ersten. Leider müsse man, wie im Fall Schlagbauer, auch mal weniger wohlwollend sein. Zu Balles Glück ist das aber die autarke (Chef-)Redaktion, der er nicht reinredet.


Die Zeiten im Journalismus waren früher bessere, dieses Narrativ darf nicht fehlen. Markus Rinderspacher mit der wehmütigen Erinnerung, dass er auch mal fünf Minuten lang im Radio ein Thema aus allen Blickwinkeln beleuchten durfte, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Martin Balle über sinkende Erlöse aus dem Inseratenmarkt, den Kauf des Titels Abendzeitung, den Neustart, die Gespräche mit Redakteuren übers Geld. Achso, die Barmherzigkeit. Vielleicht fördert das Wehklagen über die alten Zeiten Barmherzigkeit des Publikums.

Was wichtig ist: Die Feuerwehr und die Kirche

Markus Rinderspacher beklagt eine Erhebung, die belege, dass die Berichterstattung über die Kirche sehr gering sei. Zwischen 0,1 und 0,3 Prozent der Berichte der untersuchten Medien drehten sich um Kirche. Liegt es an den Pressesprechern der Kirchen, die Themen nicht an den Mann/die Frau bringen? Ist Kirche unsexy? Nein nein, so Balle, wichtig seien in Niederbayern Feuerwehr und Kirche. Und der Kardinal. Auch Rinderspacher könne gerne mal zu Weihnachten eine Seite Eins schreiben.

Barmherzigkeit und Medienkritik

Ein Verleger, so Professor Martin Balle, sei immer zu sozialem Handeln angehalten. Bei der Abendzeitung habe er kürzlich einen festen Fotografen eingestellt. Den habe ihm sein Chefredakteur so lange als Freien auf Termine geschickt (gegen Honorar, wird extra betont!), dass Balle irgendwann zurückgefragt habe, ob das eine Bewandtnis habe, ob er den Mann einstellen solle. Der Chefredakteur: „Jetzt hast es verstanden.“ Auch die barmherzige Medienkritik darf nicht fehlen.

Die Barmherzigkeit und die kalte Merkel: Politisch dilettantisch

Dem ungesunden Medienkonsum, so Martin Balle, könne man begegnen. Das Smartphone weglegen, eine echte Zeitung aus echtem Papier nehmen und lesen. Eine echte Frau sei schliesslich auch schöner als eine Frau im Computer. Werte, die man auch Jugendlichen vermitteln müsse. Markus Rinderspacher lenkt das Gespräch souverän aus dem Minengebiet des Digitalverständnisses in das Minengebiet des Kanzlerinnenverständnisses:


Als ich beim Empfang nachher den Verleger Martin Balle frage, ob ich meinen Mitschnitt verwerten dürfe, fragt er mich: „Ah, Blog! Verdient man damit Geld?“ und ich erwidere, dass man als Journalist ja immer auch auf die Barmherzigkeit angewiesen sei.

Diana Stachowitz (SPD-MdL, Mitte) hatte zum Abend eingeladen. Foto: Gudrun Rapke
Diana Stachowitz (SPD-MdL, Mitte) hatte zum Abend eingeladen. Foto: Gudrun Rapke

Dass ich nun versuchte, mit ein paar Zitaten, Beobachtungen, Reihungen den Kosmos des Martin Balle zu verdeutlichen, ist eher dem Umstand geschuldet, den Schäferhund der deutschen Sozialdemokratie im Eck liegend so gerne knurren zu hören, weil man einen seicht und harmlos dahinplätschernden Abend etwas angeraut hat. Zumindest in Werken der Barmherzigkeit hat sich die SPD geübt: Lästige geduldig zu ertragen und denen, die sie beleidigen, zu verzeihen.

Advertisements

One thought on “Barmherzigkeit ist ein langer Weg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s