Die Ideen im Kopf sind ein Reichtum – Das Museum Geretsried

Eine der jüngsten Städte Bayerns ist Geretsried. Die Ansiedlung entstand erst im Zweiten Weltkrieg, nach dem Krieg wurde sie zur Heimat für viele Vertriebene und dann schnell zur Stadt erhoben. Für Museumsgestalter ist das eine interessante Herausforderung, da vom Mammutzahn bis zu den Silbermünzen alles für gewöhnlich Ausstellungswürdige fehlt. Im Museum der Stadt Geretsried besann man sich auf Themenkomplexe. Einer davon ist Flucht und Vertreibung – er zeigt den kulturellen Reichtum wie auch die Fundamente einer integrierten Gesellschaft.

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Ein Kanarienvogel im Geretsrieder Museum? Hä? Was soll denn das?

Anita Zwicknagl leitet das Kulturamt und hat sich maßgeblich um die erst seit 2013 so stehende Ausstellung verdient gemacht. Die Agentur „Die Werft“ konnte im zweiten Anlauf mit ihrem Ausstellungskonzept punkten, das kurz und kryptisch mit „von hinten ins Auge“ umschrieben werden könnte. Was beim Betreten des Museumsgebäudes auffällt: Übergroß reproduzierte Fotos von Menschen, die auf der Flucht sind – und eine große Landkarte, die die ganze Breite des Baus einnimmt.

Anita Zwicknagl vor einer raumgroßen Karte mit den Flucht- und Zielorten
Anita Zwicknagl vor einer raumgroßen Karte mit den Flucht- und Zielorten

Zwicknagl erklärt die Karte:


Schon nach dem Krieg hatten die Landsmannschaften, die nach Geretsried zogen, Alltagsgegenstände aus der alten Heimat, die sie nicht mehr brauchten, bei der Gemeinde eingelagert. Somit ist das Museum in Geretsried heute in der glücklichen Lage, auf einen sehr großen Fundus zurückgreifen zu können. Obwohl es den vielleicht gar nicht braucht. Das inoffizielle Motto lautet nämlich, dass die Ideen im Kopf der große Reichtum sind.

Eine Kiste aus der Zeit der Flucht, hier mit Küchenutensilien zusammengestellt.
Eine Kiste aus der Zeit der Flucht, hier mit (Küchen-)Utensilien zusammengestellt.

Denn: Die Heimatvertriebenen konnten nicht viel mitnehmen. Ein paar Kisten, vielleicht eine Kutsche.

 

Mittagstisch.
Mittagstisch.

Teilweise mutet der Inhalt der Kisten kurios an. Im Nachkriegs-Geretsried war Mohn weitgehend unbekannt, aber die Flüchtlinge brachten eine Mohnmühle mit. Doch bevor sie sich niederlassen konnten, wurden sie einer entwürdigenden Behandlung unterzogen: Die Entlausung.
Christian Raißle von „Die Werft“:


Die Flucht musste schnell gehen, überstürzt. Umso wichtiger war den Neuankömmlingen, soweit wie möglich noch Abschied zu nehmen.


Und so finden sich in den Museumsräumen auch Hinweise auf die Siebenbürger Sachsen und ihre Kultur:

 

Modell einer Kirchenburg
Modell einer Kirchenburg

Die IGG – Industriegemeinschaft Geretsried

Was in Geretsried anders als in den vier weiteren neuen Vertriebenenstädten war: Man gründete die Industriegemeinschaft Geretsried, die bis heute besteht. Auch einer der Belege dafür, dass es manchmal nicht mehr als Ideen im Kopf, Tatendrang und Mut braucht, um von vorne anzufangen. Berühmt bis heute sind die Geretsrieder Instrumente von Böhm & Meinl.


An dieser Vitrine kann man sich auch einzelne Instrumentenstimmen vorspielen lassen und sich von der Qualität der Geretsrieder Musikinstrumente überzeugen.

Von Kanarienvögeln und Bunkermauern

Vielleicht haben Sie sich gefragt, warum ausgerechnet ein Kanarienvogel das erste Artikelbild ist. Das hängt mit der Kriegsproduktion zusammen. In Geretsried war die Rüstungsindustrie ansässig, die übrigens als Schokoladenfabrik getarnt war. Aber: in dieser Industrie arbeiteten Damen, die gelbhäutig waren. Christian Raißle:


Im gleichen Raum, der auf die Anfänge von Geretsried als Rüstungsansiedlung zurückgeht, befindet sich eine Fliegerbombe, eine Kiste aus den Rüstungsbetrieben, eine Stahltür – und ein Stück Bunkermauer:

 

Ein Stück Bunkermauer (vorne links)
Ein Stück Bunkermauer (vorne links)

Alles zu Eintrittspreisen, Themenbereichen und Öffnungszeiten auf den Seiten des Museums der Stadt Geretsried.

In dieser Reihe sind auch erschienen: Die Arbeitsweise der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern, das (Stadt-) Museum Penzberg und das Bergwerksmuseum Penzberg.

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