#Wennerberg150- Ein #Tweetwalk macht Lust auf Kunst

Eine Art gemischtes Doppel – und auch ein Experiment war es, was der Kunstverein Bad Aibling, Kurator Christian Poitsch und Michael Stacheder ausprobierten: Einerseits eine Führung durch die zwei Ausstellungen mit Werken Brynolf Wennerbergs, ein Tweetwalk auf den Wegen Wennerbergs in Bad Aibling und andererseits: Es war auch eine Führung für Menschen ohne digitales Endgerät. Das Experiment glückte.

In diesem Aiblinger Haus lebte Brynolf Wennerberg mit seiner Familie bis zum Tode
In diesem Aiblinger Haus lebte Brynolf Wennerberg mit seiner Familie bis zum Tode

Für zwei war es eine richtige Premiere, ein seit langem nicht genutzter Twitteraccount und
einer, der frisch eingerichtet wurde. Und nicht nur für die erklärte Michael Stacheder, um was es bei einem Tweetwalk gehen soll und wie das funktioniert – auch die Teilnehmer der normalen Führung sollten wissen, dass die Vertiefung ins Smartphone keine Unfreundlichkeit ist:

Christian Poitsch deutet auf ein Gemälde, das das Leibl-Atleier festhält
Christian Poitsch deutet auf ein Gemälde, das das Leibl-Atleier festhält

Christian Poitsch hat die Werke Wennerbergs zusammengetragen und arrangiert. Dabei hat er die Räumlichkeiten der Villa Maria gut ausgenutzt. Im Kassenraum finden sich gesammelte Werke unterschiedlicher Phasen, eigentlich auch ein Zufall, weil manche Gemälde erst ankamen, als die Räume schon geplant waren. Ein weiterer Raum zeigt Bilder seiner Kinder und Familiäres. Der Quergang ist den Werbearbeiten und Lithographien von Brynolf Wennerberg gewidmet, unter anderem findet sich eine Werbung für ‚4711‘.

Lächelnde Frauen

Der Längsgang durch die Villa ist zweigeteilt. Eine Seite Satirisches und Lustiges, die andere Seite, da sind sich Poitsch und Stacheder einig, das Markanteste im Schaffen Wennerbergs: Das Lachen der Frauen.

Der große Gang in der Villa Maria. Rechts Lustiges und links Frauenzeichnungen, oft schon mit dem berühmten Lächeln
Der große Gang in der Villa Maria. Rechts Lustiges und links Frauenzeichnungen, oft schon mit dem berühmten Lächeln

Der mit Abstand größte Raum befasst sich mit der Aiblinger Zeit von Wennerberg:


Dem persönlichen, also dem Aiblinger Schaffen von Brynolf Wennerberg widmet sich der Ausstellungsteil im Feuerwehrgerätehaus.
In der Villa findet sich ein Bild seines schwedischen Elternhauses genauso wie das Bild des Leibl-Ateliers. Der Maler Wilhelm Leibl hatte dieses in Bad Aibling erbauen lassen, Wennerberg übernahm es, der Denkmalschutz stimmte später dem Abriss zu. Somit ist das Gemälde eine Art Kronzeuge.

Wennerberg, der Kant von Aibling

Brynolf Wennerberg wohnte in der Villa Mina, die heute am Rand des Kurparks von Aibling liegt. Von den großen Zeiten des Hauses kündet heute nichts mehr. Ein Hotel macht sich dort breit, eher nicht benutzte Tische und Stühle auf der Terrasse könnten zu der Annahme verleiten, dass dort Gäste frühstücken oder gar Kuchen mit Ausblick genießen. Martina Thalmayr:


Warum sich Brynolf Wennerberg ausgerechnet Bad Aibling aussuchte, ist nicht richtig klar. Aber sein Rheuma mag den Ausschlag gegeben haben:

Da, wo nun Brennholz lagert, stand einst das Leibl-Atelier
Da, wo nun Brennholz lagert, stand einst das Leibl-Atelier

Teilweise bis zu vier Mal, mutmaßt Christian Poitsch, ging Wennerberg den Weg durch Aibling. Morgens hin zum Atelier, mittags heim zum Essen und dann zurück zur Nachmittagsarbeit. Und das so, dass die Aiblinger ihre Uhr nach ihm stellen konnten. (Ähnliches ist in der Trivia der Philosophie von Immanuel Kant in Königsberg überliefert, deswegen der Vergleich.) Wennerberg hat jeden Tag um 9 Uhr das Arbeiten begonnen. Immer pünktlich, in Aibling konnten die Leute die Uhr nach ihm stellen:


Christian Poitsch hat auch Berechnungen angestellt, wie Brynolf Wennerberg das Leben in Aibling finanzieren konnte. Ein Kurort verlangt, das ist auch heute so, immer ein wenig mehr ab. Für ein Simplicissimus-Bild bekam er umgerechnet 4000 Euro.
Interessant ist, dass neben dem Wohnhaus von Wennerberg eine imaginäre Besitzlinie durch Aibling verlief. Die Ortshälften waren eigentumsrechtlich aufgeteilt. Diesen Einblick bekamen die Teilnehmer des Tweetwalks, da Poitsch auch ein unglaubliches Wissen über die Geschichte Aiblings hat:

In Bad Aibling erinnern immer wieder Gedenktafeln an die Besitzerfamilie Wild
In Bad Aibling erinnern immer wieder Gedenktafeln an die Besitzerfamilie Wild

Der Weg Wennerbergs führte über die Kirchzeile zum Mühlbach. Hier waren die Gerber und Färber daheim und der Maler Wilhelm Leibl hatte sein Atelier dort. Dieses übernahm Wennerberg:

Der Reiz der Postkarten

Brynolf Wennerberg hat viele Postkartenmotive gemalt. Diese machen den großen Teil der Sammlung im Feuerwehrgerätehaus aus. Buchstäblich bis zur letzten Minute hatten sie in Aibling montiert und gestaltet, damit die Ausstellung zum 150. Geburtstag des Malers und Grafikers Brynolf Wennerberg fertig wird. Und dann passierte genau das in der Vernissage:

In der Postkartenreihe ein leerer Platz
In der Postkartenreihe ein leerer Platz
Eine frisch eingetroffene Postkarte wird hinter ein Passepartout und in einen Rahmen montiert
Eine frisch eingetroffene Postkarte wird hinter ein Passepartout und in einen Rahmen montiert
Das neu erworbene Schmuckstück, eine Wennerberg-Postkarte, wird platziert
Das neu erworbene Schmuckstück, eine Wennerberg-Postkarte, wird platziert

Als ob es eine Gabe genau für den Tweetwalk wäre, konnte Christian Pointer eine ganz neu eingetroffene Karte aufhängen – da beschreie noch einmal einer, dass es ein Übel sei, wenn Dispersionsfarbe und Klebeband sich nicht vertrügen. Überhaupt: Neben dem Werbeschaffen von Wennerberg, sei es für Opel, Klepper oder kettenlose Fahrräder: Die Postkarten sind ein Kleinod:

Postkarten – das Twitter des 20. Jahrhunderts

Die Postkarten geben auch noch einen guten Einblick in die alte Zeit. Denn sie wurden täglich mehrfach zugestellt, am schnellsten transportiert, an jedem Zug war ein Postwaggon angehängt und so konnte eine Karte, morgens in Bad Aibling aufgegeben, nachmittags in Leipzig sein:


Mit einem Augenzwinkern bemerkt Christian Poitsch, dass die Postkarte vielleicht eine Frühform des Twittern sei, geschrieben und gleich ausgeliefert, recht schnell beim Empfänger.

Die teilnehmer des Tweetwalks vor dem ehemaligen Leibl-Atelier
Die Teilnehmer des Tweetwalks beim ehemaligen Leibl-Atelier

Ein Tweetup, und das ist die Erkenntnis aus #wennerberg150, ist immer ein gesellschaftliches Ereignis. Wenn es so gut wie in Bad Aibling begleitet wird, mit einem Kurator, der viele Geschichten zu erzählen hat, mit einem offenen Kunstverein, der das Experiment wagt und mit ein, zwei engagierten Menschen, die sich auch in die Vorbereitung knien, wie Michael Stacheder und die Theaterwelten, dann wird ein Rundgang durch einen Ort, durch eine Ausstellung zu einem Event. Etwas, das man jedem Museum, jeder Ausstellung wünschen mag. Und viele sollen mitmachen. Denn, meine Erfahrung: Zu oft erfährt man von interessanten Ausstellungen erst im Nachhinein. Mit einem Tweetup kann jeder dran teilnehmen, auch virtuell. Obwohl: Live ist schon schöner. Wer jetzt ergänzend nachlesen will, was bei Twitter gepostet wurde, der kann #wennerberg150 aufrufen. Mehr Bilder finden sich auf den Webseiten der Redaktion Oberbayern des BR.

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. September zu sehen – alle Termine, auch das Rahmenprogramm sind auf der Website des Kunstvereins abrufbar.

Mehr zum Thema:
150 Jahre Brynolf Wennerberg: „Er ist ein Aiblinger“ – Bericht von der Vernissage #Wennerberg150- Ein #Tweetwalk macht Lust auf Kunst – Bericht vom Tweetwalk durch Bad Aibling
Zwischen Winkel und Wahnmoching – Das Leben der #Reventlow – Lesung mit Michael Stacheder
„Dein Schrifttum ist ja nur ein Drittel Deinerselbst“ – Zweite Lesung mit Michael Stacheder

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2 thoughts on “#Wennerberg150- Ein #Tweetwalk macht Lust auf Kunst

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