Glaubwürdig durch die Krisen – die Tutzinger Radiotage #tura16

Das Radio scheint ein Solitär zu sein – unbeschadet jeglichen Medienwandels ist es akzeptiert. Sei es als ‚ideales Begleitmedium‘, als fast überall verfügbare und konsumierbare Nachrichtenquelle oder Unterhaltungsmedium. Aber: Nicht zuletzt in den letzten Monaten, seit das Gerede von der Lügenpresse die Runde macht, fragen sich Hörer wie auch Macher, wie es denn um die Glaubwürdigkeit des Mediums steht. Färbt das Misstrauen der Hörer, das diese Zeitungen und Fernsehen entgegenbringen, auf das Medium Radio ab? Wie sehen die Radiomacher ihre Glaubwürdigkeit? Genügend Stoff für eine Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung und der Akademie für politische Bildung in Tutzing.

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Das Auditorium der Tutzinger Radiotage – Radiomacher aus ganz Deutschland diskutieren auf Augenhöhe über die Glaubwürdigkeit des Mediums

Rechte Parteien haben es im wiedervereinigten Deutschland immer wieder in Parlamente geschafft. Allerdings, so schränkt Richard Hilmers von policy matters ein, nur in Landtage. Markant ist, dass seit den Erfolgen eines Ronald Schill in den 90-er Jahren in Hamburg die AfD bislang der größte Abräumer war. Woran liegt das? Ausweislich der Wahlergebnisse sind die Bürger mit ihren jeweiligen Landesregenten sehr zufrieden. Ursächlich sind eine pessimistische Grundstimmung und das Thema des letzten Jahres: Flüchtlinge. Dabei geben alle Parteien Stimmen an die Rechten ab, AfD & Co fischen auch bei Wählern von Linken oder Grünen. Und die, die ins Parlament kommen, sind durch und durch bürgerliche Menschen.

Richard Hilmers, früher infratest-dimap, heute mit eigenem Forschungsinstitut (policy matters), analysierte den Rchtsruck und das Abschneiden rechtspopulistischer Parteien in Deutschland.
Richard Hilmers, früher infratest-dimap, heute mit eigenem Forschungsinstitut (policy matters), analysierte den Rechtsruck und das Abschneiden rechtspopulistischer Parteien in Deutschland.

Hatespeech und Politiker

Professor Caja Thimm erhob in ihrem Vortrag harte Vorwürfe gegen Politiker: Sie seien durchaus selber schuld daran, dass Hatespeech und Ausländerfeindlichkeit im Netz zunehmen:

 

Professorin Caja Thimm klärte auf: Pegida habe mittlerweile keine Website mehr, alle Aktivitäten gingen via Soziale Medien aus. Thimm befasst sich in Forschungsprojekten mit Hatespeech und der Auswirkung von Politikeräußerungen.
Professorin Caja Thimm klärte auf: Pegida habe mittlerweile keine Website mehr, alle Aktivitäten gingen via Soziale Medien aus. Thimm befasst sich in Forschungsprojekten mit Hatespeech und der Auswirkung von Politikeräußerungen.

Verstärkung erfahren die rechten Hasspostings in Sozialen Medien vor allem auch durch das Phänomen der Filterbubble. Das ist das Verweilen und Lesen in den Kreisen, die meistens die eigene Meinung teilen.


Mahnende Worte an uns Medienschaffende: Das Internet hat mit unserem Leben zu tun. Die Trennlinie zwischen virtuell und real wird täglich dünner. Und: „Achtet auf Eure Worte und befeuert nicht die Hass-Kommunikation im Netz.“


Die anschließende Diskussion kann hier nachgelesen werden.

Richard Gutjahr arbeitet heraus, warum Snapchat für Journalisten Bedeutung hat.
Richard Gutjahr arbeitet heraus, warum Snapchat für Journalisten Bedeutung hat.

Snapchat – Journalistischer Snack oder Mehrwert?

Richard Gutjahr arbeitete bei den Radiotagen heraus, warum auch Journalisten Snapchat verwenden sollen:


Er rät dazu, Geschichten zu erzählen, anderen, schon erfahrenen Snappern zu folgen und regelmäßig zu posten. Und das Problem der mangelnden Datenraten, des Flaschenhalses wird seiner Meinung nach in absehbarer Zeit keine Rolle mehr spielen:


Noch bevor allerdings die Datenbrille für alle sich durchsetzen wird, glaubt Gutjahr an ein anderes Tool: Schon in naher Zukunft werden wir mit einem Knopf im Ohr rumrennen, der die Smartwatch am Handgelenk ersetzen wird. Und das, meint Richard, ist dann die Gelegenheit für findige Radiomacher, sich draufzusetzen. Ideen können entwickelt werden für diese Augmented Ear-Reality:

Und bezüglich Radio denke ich, dass augmented-ear-reality eine große Nummer sein wird. Wir werden eher mit einem Ohrknopf rumlaufen als mit einer Googlebrille. Die Technik und die entsprechenden digitalen Assistenten sind jetzt so weit, dass sie erkennen können, wo wir sind, was wir machen. Zum Beispiel erkennt die Technik dann: Aha, du bist gerade am Flughafen, du hast dir ein Flugticket gekauft, dann sage ich dir jetzt, dass sich das Gate geändert hat. Wenn das kommt, werden sich Radiomacher überlegen können, wie sie zu dieser Technik passen. Dann könnten Radiosender ihren Nutzern zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Angebote machen. Dafür ist Radio prädestiniert. (Verschriftung von drehscheibe.org – mit weiteren Aussagen von Richard Gutjahr)

Fehlerkultur und Glaubwürdigkeit

Christoph Ebner vom SWR verantwortet im Studio Freiburg den Hörfunk. Er hat auch damit zu tun, dass Medienkonsumenten und Politiker die Programmmacher ‚angehen‘ und ihnen Unausgewogenheit vorwerfen. Gleichzeitig fordert er, dass Medienmacher auch mehr auf die Hörer eingehen müssen:


Absolute Transparenz ist für Ebner wichtig. Die Medien können sich den Vorwurf nicht erlauben und gefallen lassen, sie würden Dinge verheimlichen. Neben einer neuen und anderen Fehlerkultur postuliert Christoph Ebner daher, dass Medienleute auch on Air erklären sollen, wie sie die Berichterstattung gestalten:


Das vollständige Interview mit Christoph Ebner hören Sie Donnerstag (15.09.2016, 20.00 Uhr) bei Was mit Medien bei DRadio Wissen.

Burkhard Schäfers präsentiert die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Christoph Ebner
Burkhard Schäfers präsentiert die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Christoph Ebner

Die Glaubwürdigkeit in der Praxis

Was wäre ein Workshop von Radiomachern mit Radiomachern, wenn nicht gleich was Handfestes rauskäme. Hier ein simuliertes Kollegengespräch, das so aber in jedem Sender live laufen könnte. Im Fallbeispiel bezogen sich die Kollegen auf Augsburg. Moderator im ‚Studio‘ ist Ulrich Höhmann von hr-info, Stephan Mark von RT.1 gibt den Chefredakteur:


(4:33/6 MB)

Und die Trolle? Die Tutzinger Empfehlungen für Social Media

In einem weiteren Workshop machten sich die Kollegen daran, einen Leitfaden für den Umgang mit problematischen Nutzern in Sozialen Netzwerken zu erarbeiten. Die Tipps sind lesenswert und zu beherzigen für jeden Radiomacher, der auch Soziale Accounts seines Senders betreut. Das Papier wird ein weiteres mit dem Ortsnamen Tutzing werden, quasi ein Nachfolger des Tutzinger Appells, in dessen Folge fair-radio gegründet wurde.

Boris Bauer über die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe: Social Media erfordert Manpower, Konsequenzen müssen durchgesetzt werden.
Boris Bauer über die Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe: Social Media erfordert Manpower, Konsequenzen müssen durchgesetzt werden.

Wichtig ist, so Boris Bauer bei der Vorstellung des Social-Media-Leitfadens, dass dieser konsequent eingehalten werde, was Restriktionen für unliebsame User und das eigene Verhalten angeht:

 

Das Vorbereitungsteam der #tura16, das die Tagung auch multimedial begleitet.
Das Vorbereitungsteam der #tura16, das die Tagung auch multimedial begleitete.
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