„Dein Schrifttum ist ja nur ein Drittel Deinerselbst“

„Stefan Zweig und Arthur Schnitzler waren zwei verfemte, zwei verbrannte Autoren“, führte Michael Stacheder in den Abend ein. Der Schauspieler und Regisseur frönte seiner Leidenschaft für Zweig und Schnitzler, sehr zum Vergnügen der zahlreichen Zuhörer. Arthur Schnitzler war vier Jahre älter als Brynolf Wennerberg, Stefan Zweig 15 Jahre jünger – und damit sind sie auch als Chronisten der Zeit Wennerbergs zu verstehen. Nicht, dass sie mit ihm persönlich zu tun gehabt hätten, das hatte auch im ersten Teil vor zwei Wochen die Gräfin Reventlow nicht. Aber sie zeichnen eben nicht nur ein Bild der Welt am Abend des ersten Weltkrieges, sondern befördern auch das moderne Frauenbild, das sich anschickte, die Welt zu verändern. Diese Parallele zum Schaffen Brynolf Wennerbergs ist unübersehbar und hilft dem Besucher der Ausstellung, dessen Werk im zeitgenössischen Kontext zu sehen.

Michael Stacheder im Gespräch mit Evelyne Bichlmaier, die die VHS in Bad Aibling leitet und den Abend mit dem Kunstverein organisierte
Michael Stacheder im Gespräch mit Birgit Schreuer von der VHS in Bad Aibling. Diese organisierte den Abend mit dem Kunstverein

Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“

Zweig, Sohn jüdischer Eltern, wurde 1881 in Wien geboren, entstammte dem guten Bürgertum und erlebte das Ende des Ersten Weltkriegs in der Schweiz. Anschließend siedelte er zurück nach Österreich und kaufte auf dem Kapuzinerberg bei Salzburg ein größeres Haus, in dem er auch Freunde und Kollegen empfing. Für diese Gastfreundschaft war Stefan Zweig bekannt, das Haus erhielt bald den Beinamen ‚Villa Europa‘. Rund 30.000 Briefe schrieb Stefan Zweig Zeit seines Lebens und er hatte, modern ausgedrückt, einen Tick, eine Sammelleidenschaft für Autographen. Auch das, so Stacheder, eine Parallele zu Brynolf Wennerberg. Tauchen wir ein in die Zeit einer Gesellschaft, die ihrem Untergang entgegenwankt. Es liest Michael Stacheder:


Sowohl Stefan Zweig als auch Arthur Schnitzler zeichneten ein neues Frauenbild. Junge, lächelnde Frauen, selbstbewusst, in der Befreiung aus der Unterjochung des Mannes voranschreitend, auch das ist eine Parallele zum Schaffen des Malers Brynolf Wennerberg.

Arthur Schnitzler, der Chronist der sexuellen Eroberung

Fast gegenteilig mag es da anmuten, dass Arthur Schnitzler sich nicht zur Ehe geboren sah. Seine sexuelle Freiheit wollte er sich um jeden Preis bewahren, mehrfache und gleichzeitige Liebschaften waren beim ‚Polygamisten Schnitzler‘ die Regel. Michael Stacheder erzählt:

Das alte Feuerwehrgerätehaus in Bad Aibling ist Heimat des Kunstvereins und beherbergt einen Teil der Wennerberg-Ausstellung
Das alte Feuerwehrgerätehaus in Bad Aibling ist Heimat des Kunstvereins und beherbergt einen Teil der Wennerberg-Ausstellung

Schnitzler führte Tagebuch, buchhalterisch, so Stacheder. Mit Marie Glümer, einer großen Liebe wie auch persönlichen Katastrophe, schläft er innert drei Jahren 400 mal, teils parallel dazu liebt er Anna Heger in fünf Jahren 564 mal. Getrieben war er von der Vorstellung, ein beim ‚ersten Mal‘ wahres Jungfräulein zu besitzen. Dazu paarte sich eine Eifersucht auf mögliche Vorgänger. Literarisch berühmt wurde das Verhältnis des HNO-Arztes Arthur Schnitzler zur Schauspielerin Adele Sandrock.

Schnitzler und die Schauspielerin Adele Sandrock

Streit und Versöhnung auf offener Straße – man kann sich ausmalen, wie hochdramatisch, peinlich, aber auch neugierigmachend das auf die Umwelt gewirkt haben muss. Aus einem Brief der Sandrock an Schnitzler:


Unbelegt sei die Anekdote, so Stacheder, dass sich Schnitzler und Sandrock eine heftige Schlägerei mit Regenschirmen auf dem Ring vom Burgtheater geliefert haben sollen. Offenes Geheimnis, so der Regisseur Stacheder, war, dass Schnitzler etwas gehabt haben muss, das die Frauen Schmach, ja teils sadistisch zu nennende Form der Aggressionen ertragen liess.

Berta Galan – Wiedergutmachung an der Jugendliebe

In ‚Berta Galan‘ nun setzt Arthur Schnitzler seiner Jugendliebe Franziska Reich ein Denkmal. Er trifft sie Jahre später wieder, beginnt eine Affäre mit ihr, serviert sie eiskalt ab – literarisch wird es, so Michael Stacheder, eine Wiedergutmachung. Seinem ‚Fännchen‘ soll Gerechtigkeit widerfahren:


Arthur Schnitzler und Stefan Zweig standen in Briefkontakt, gelegentlich besuchte Schnitzler Zweig auch in der Villa Europa – bis 1936, als Zweig das aufziehende Schreckensregime der Nazis auch in Österreich spürte. Aus einer Einladung Zweigs an Schnitzler:

„Nun weißt Du mich doch ruhig und glücklich“

Zweig spiegelte in seinen Werken und Briefen die Zeitläufte und hinterfragte durchaus kritisch, ob die Menschheit angesichts des Treibens im Ersten Weltkrieg und im aufziehenden Nationalsozialismus wirklich im 20. Jahrhundert angekommen sei. 1942 beging Stefan Zweig Selbstmord. Stacheder beschloss den Abend mit dem Abschiedsbrief Zweigs an seine Frau Friederike:

Wennerberg, der unbekannte Schwede in Schweden

Der Abend mit Ausschnitten aus dem Werk Arthur Schnitzlers und Stefan Zweig fand in Kooperation mit der vhs Bad Aibling statt. Und einen besonderen Gast gab es auch: Frank Senftleben, der Vorsitzende der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft war samt Gattin Maria anwesend. Brynolf Wennerberg ist in Schweden kaum bekannt. Nachholbedarf, meinte Senftleben:


Maria Senftleben, die Gattin des Vorsitzenden, kommt aus der Heimatstadt Brynolf Wennerbergs. Sie stimmt ihrem Mann zu, dass Brynolf dort kaum bekannt ist. Im Gegensatz zu seinem Onkel:


Die Ausstellung zum 150. Geburtstag Brynolf Wennerbergs ist noch am Samstag und Sonntag (17./18.09.) in Bad Aibling geöffnet.

Der Vorsitzende der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft, Frank Senftleben war wie Gattin Maria angetan von Ausstellung und Lesung
Der Vorsitzende der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft, Frank Senftleben war wie Gattin Maria angetan von Ausstellung und Lesung

Der Titel des Blogeintrags stammt aus einem Brief Friederikes an Stefan Zweig.

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