Nürnberg – Geschichte(n) durch Jahrhunderte

Karl IV. in Nürnberg! Nun gut, dieser Aufruf gilt mittlerweile nicht mehr dem Kaiser selbst, sondern der deutsch-tschechischen Landesausstellung im Germanischen Nationalmuseum. Und dennoch hat der ehemalige Böhmenkönig mit Luxemburger Herkunft als Kaiser seine Spuren in der Reichsstadt hinterlassen. Es bietet sich an, mehrere Tage in Nürnberg zu verweilen, die Landesausstellung zu besuchen und in der Stadt auf Spurensuche zu gehen.

Blick vom Albrecht-Dürer-Hotel auf die Burg in Nürnberg. Laut Beschluss des Innenministers muss diese als Liegenschaft es Freistaats Bayern beflaggt sein.
Blick vom Albrecht-Dürer-Hotel auf die Burg in Nürnberg. Laut Beschluss des Innenministers muss diese als Liegenschaft es Freistaats Bayern beflaggt sein

Kümmern wir uns erst einmal um die Frage, was Nürnberg so anders macht als andere Städte, warum Nürnberg einen besonderen Reiz bietet: Die Stadtführerin Margit Schmidt-Pikulicki, was Touristen mit Nürnberg verbinden und was die Stadt auszeichnet:

 

In diesem Bunker unter der Burg in Nürnberg wurden in den Kriegsjahren die Reichskleinodien versteckt. Er war der sicherste Ort in Nürnberg und praktisch nicht durch Bomben zu zerstören.
In diesem Bunker unter der Burg in Nürnberg wurden in den Kriegsjahren die Reichskleinodien versteckt. Er war der sicherste Ort in Nürnberg und praktisch nicht durch Bomben zu zerstören

Die Reichskleinodien lagerten während des Zweiten Weltkrieges unter der Burg in einem Bunker. Karl IV. hatte sie nach Karlstein bringen lassen, obwohl es lange Zeit üblich war, dass der Kaiser in Aachen gekrönt wurde. Zu diesem Behufe transportierte man die Insignien in die Pfalzkapelle Karls des Großen – ein logistisches und sicherheitstechnisches Meisterwerk. Und wichtig. Nur, wer in Aachen mit den Reichskleinodien gekrönt wurde, war der legale Herrscher.

Hitler, der Anschluss und die Reichskleinodien

Erst Sigismund, der Sohn Karls, verfügte, dass die Reichskleinodien nach Nürnberg kamen. Es war die Zeit des Hussitenkriegs und ganz offiziell wurden die Insignien der Nürnberg zur Aufbewahrung überantwortet. Sie kamen in eine Stiftungskirche, das Heilig-Geist-Spital. Hintergrund: Die Institution Kirche sollte keinen Zugriff auf die Insignien haben. Dass die Reichkleinodien nach Wien kamen, hängt übrigens mit der französischen Revolution zusammen: Regensburg und Passau lehnten es ab, den Schatz zu übernehmen, übrig blieb die Stadt der Habsburger, wo sie auch heute wieder lagern. Im Dritten Reich, so Margit Schmit-Pikulicki, kamen sie wieder nach Nürnberg. Hitler hatte Österreich ans Deutsche Reich angeschlossen und somit Zugriff auf die Insignien:

 

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Detail von der Sebalduskirche: Der Sarg Mariens, darunter Juden mit Judenhut

Die Kirchen, Baustellen mit Botschaft

Die Kirchen Nürnbergs, überhaupt des Mittelalters, darf man sich nicht als fertige Bauten vorstellen. Die Nürnberger lebten, so unsere Stadtführerin, in einer Baustelle.


In Nürnberg lebten zu dieser Zeit auch schon viele Juden. Sie unterstanden zwar dem persönlichen Schutz des Kaisers, aber darauf zählen konnten sie nicht unbedingt. Der Begriff Antisemitismus ist durch das 20. Jahrhundert geprägt, für die Juden-Feindlichkeit der mittelalterlichen Menschen gibt es eine andere Herleitung: Auf dem Laterankonzil 1215 hatte die Kirche beschlossen, dass Christen und Juden nicht zusammenleben dürften. Die Wurzel des Antisemitismus, die Ausgrenzung, die Hitler und seine Schergen im Dritten Reich bis zur Grausamkeit perfektionierten, lässt sich aber in der mittelalterlichen Auffassung finden:

 

Die komplette Darstellung der Grablege und Auferstehung Mariens, rechts unter dem Sarg findet man die Darstellung von Juden mit dem Judenhut.
Die komplette Darstellung der Grablege und Auferstehung Mariens, rechts unten ist der Sarg

Unter Karl IV. war das Judenviertel am heutigen Hauptmarkt. Karl befand sich mit Ludwig dem Bayern in Streitigkeiten und wollte die Nürnberger auf seiner Seite haben:

Be Karl

Auf den Grundmauern der Synagoge am Hauptmarkt bauten die Nürnberger die Marienkirche. Diese wird oft als Sühnekirche bezeichnet. Ein Ausdruck, den die Stadtführerin als falsch klassifiziert:

 

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Vor der Marienkirche kann man selber zu einem Teil des Männleinlaufens werden. Schautafeln erklären die Historie und Zusammenhänge. Über ein Fernrohr kann man die Figuren an der Kirche genauer betrachten

Weil sich das Männleinlaufen so gut eignet, um neben Werbung auch etwas über die Stadtgeschichte zu vermitteln, hat das Stadtmarketing eine überdimensionale Bühne auf dem Hauptmarkt aufstellen lassen. Hier kann jeder durchlaufen oder sich gleich dem Kaiser hinsetzen. Und im Rathaus gibt es passend dazu die Allegorie, das iMännleinlaufen, wie Andreas Radlmaier vom Projektbüro erklärt. Der Kaiser wird in dem Kunstwerk von Georg Dinkel zum iPhone:

 

Georg Dinkels iMännleinlaufen Männleinlaufen aus Fimo (formbarer Kunststoff) Huldigung an Kaiser Smarphone Georg Dinkel Ehrenhalle Rathaus © BERNY
Georg Dinkels iMännleinlaufen aus formbaren Kunststoff. Foto: Berny/Rathaus

Trotzdem lohnt es sich, das 12-Uhr-Läuten der Marienkirche in Nürnberg nicht zu verpassen, um das Original Männleinlaufen zu sehen. Andreas Radlmaier mit Details zum Entstehen der historischen Uhr:


Wegen der Trennung in Kirchen- und Stadteigentum, so Radlmaier, wird die Uhr vom Hochbauamt und nicht vom Pfarramt gepflegt.

Das jüngere Stadtwappen – aufgrund falscher Interpretation des längeren Haares im Mittelalter bekam die Figur auf einmal auch noch Brüste
Das jüngere Stadtwappen – aufgrund falscher Interpretation des längeren Haares im Mittelalter bekam die Figur auf einmal auch noch Brüste

Adliger oder Frau mit Brust?

Werfen wir noch einen Blick auf die Geschichte des Stadtwappens. Es gibt verschiedene Darstellungen und am interessantesten ist wohl die am Nürnberger Rathaus, auf der man eine barbusige Frau sieht. Ein großes Missverständnis, wie uns Margit Schmidt-Pikulicki aufklärt. Niemand wollte, dass das Wappen kopiert werden könne und deswegen veränderte man es:


Nach dem Handwerkeraufstand kam übrigens noch ein weiteres Wappen in den Umlauf, auch dieses sieht man am Rathaus, über dem Eingang zum Restaurant ‚Zum Spießgesellen‘. Es zeigt den halben Reichsadler mit den roten und silbernen Streifen der Freien Reichsstädte.

Das Nürnberger Stadtwappen für die Handelsleute.
Das Nürnberger Stadtwappen für die Handelsleute

Es gibt also genügend in Nürnberg zu sehen, wie diese kleinen Einblicke aufzeigen sollen. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit oder anlässlich der Landesausstellung. Nürnberg ist immer eine Reise wert. Alle Informationen zu touristischen Angeboten und Übernachtungen gibt es bei der Congress- und Tourismus Zentrale Nürnberg.

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Die Geschichte Karls wird mit einem mechanischen Puppentheater dargestellt

Offenlegung: Ich war auf Einladung der CTZ Nürnberg Teilnehmer der Stadtführung. Leistungsumfang: Abendessen, Übernachtung mit Frühstück, Stadtführung, Bratwürschtla-Essen. Herzlichen Dank dafür und vor allem für die unbezahlbaren Einblicke in Nürnberger Geschichten und Geschichte.

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