150 Jahre Ludwig Thoma – zwischen Dichter und Antisemit

Satiriker, Autor des Simplicissimus, Dichter der Heiligen Nacht, Schöpfer der Lausbubengeschichten. Die Rede ist von Ludwig Thoma. Vor 150 Jahren wurde er in Oberammergau geboren. Und es ist sicher kein leichtes Feld, das da im Ort beackert wird. Ein Vortrag von Professorin Gertrud Rösch beleuchtete das vielschichtige Leben von Thoma – und auch seine spezielle Haltung von Antisemitismus.

Die Oberammergauer Tanzlmusi gestaltete den musikalischen Teil des Abends
Die Oberammergauer Tanzlmusi gestaltete den musikalischen Teil des Abends

Der Historische Verein hatte geladen und über 100 Menschen kamen zum Vortrag. Das ist selbst für Oberammergau eine erstaunliche Zahl Menschen, die sich im Geburtshaus Thomas einfanden, im Besitz der Erben des seligen Verlegers Lang befindlich. Fest steht, dass auch heute noch die Anziehungskraft und Popularität von Ludwig Thoma nichts eingebüßt hat. Vielleicht liegt es an seiner einfachen Herkunft oder daran, dass er sein eigenes Leben schamlos ausbeutete und zu seinen Geschichten formte. Jedenfalls konnte der geflohene Rechtsanwalt aufgrund seiner schriftstellerischen Tätigkeit bald ein beachtliches Vermögen vorweisen:

Satiriker und Dichter

Das sind, wenn man das zusammenrechnet, rund 70.000 Mark. Um das einzuordnen, verdeutlichte Gertrud Rösch, dass zu dieser Zeit eine vollständige Mahlzeit in einer Gastwirtschaft eine Mark kostete und eine Halbe Bier 30 Pfennig. Thoma, so führte Rösch weiter aus, leistete sich den Luxus des Landlebens – und konnte sich diesen auch leisten. Eher belustigend mag da erscheinen, dass sich der Schriftsteller ökonomische Gedanken darüber machte, was er sich durch das Halten von Hühnern und die Beschäftigung von dienstbaren Geistern sparte, gleichzeitig hatte Thoma bei seinem Haus „Auf der Tuften“ einen Tennisplatz:

„Ludwig Thoma kam aus einfachen Verhältnissen.“ Professorin Gertrude Rösch hielt im Geburtshaus von Ludwig Thoma einen fundierten Vortrag
„Ludwig Thoma kam aus einfachen Verhältnissen.“ Professorin Gertrude Rösch hielt im Geburtshaus von Ludwig Thoma einen fundierten Vortrag

Der flüchtige Rechtsanwalt, der Bürgerschreck

Ludwig Thoma war das, was man seit römischen Zeiten einen Homo novus, einen Emporkömmling nennt. Er war privilegiert, durfte als einziger in der Familie studieren, verlegte sich auf Jura und doch genügte ihm das nicht. Thoma begann das Schreiben beim Simplicissimus – als Nachfolger des geflohenen Wedekinds. Die Zeiten waren unruhig, Satire schon damals nicht geliebt. Und doch war sie von einem Kaliber, gegen das die Affäre um Jan Böhmermann ein Kindergarten sei. So sinngemäß die Literaturwissenschaftlerin Rösch. Kurt Tucholsky hat Ludwig Thoma einmal Bürgerschreck genannt und bekannt, er habe von diesem Mann viel gelernt. Woher kam Thoma und woher kamen seine Ideen für die Geschichten? Gertrud Rösch:

Der Antisemit Thoma

Kurz, aber nicht zu kurz wurde auch in einer Diskussion mit dem Publikum der Antisemitismus des Ludwig Thoma thematisiert. Gertrud Rösch riet zu Augenmaß – denn Thoma habe ihrer Ansicht nach trotz persönlicher Freundschaften zu Juden den strukturellen Antisemitismus bedient. Was sich jetzt sperrig liest und wie eine Entschuldigung klingen mag, ordnet Gertrud Rösch so ein:


Wohlgemerkt, hier soll nicht entschuldigt und nicht verharmlost werden, hier wird auch nicht relativiert, sondern nur aus der heutigen Zeit mit dem heutigen Wissen nachgefragt. Gertrud Rösch, die Biografin Thomas, sprach sehr deutlich von den wohl zwei Gesichtern, die der Schriftsteller gehabt habe.

Das Oberammergaumuseum hat sieben Schaufenster zum 150. Geburtstag des im Ort geborenen Ludwig Thoma gestaltet (Foto: Oberammergaumuseum)
Das Oberammergaumuseum hat sieben Schaufenster zum 150. Geburtstag des im Ort geborenen Ludwig Thoma gestaltet (Foto: Oberammergaumuseum)

Schaufensterausstellung

Das Oberammergaumuseum beteiligt sich am Jubiläumsjahr zu Ludwig Thoma. Constanze Werner, die Museumsleiterin in Oberammergau, verdeutlicht nochmal den strukturellen Antisemitismus Thomas:


Die Besonderheit in Oberammergau ist, dass es wenig im Leben von Thoma gibt, das mit dem Passionsspielort zu tun hat. Deswegen gibt es nur eine Schaufensterausstellung:


Der Vorteil: Man kann im Vorbeispazieren sein Wissen über Ludwig Thoma auffrischen. Wobei das Museum eines der ersten Heimatmuseen Bayerns ist, noch von Lang selig initiiert. Das ist aber eine andere Geschichte, die mal erzählt werden muss.
Die Aktivitäten des Historischen Vereins rund um Ludwig Thoma sind beachtlich und hier nachzulesen, wenn die Seite aktualisiert worden sein wird. Das Oberammergaumuseum finden Sie auch im Netz.

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