„Und wenn i stirb, dann nimm i an Radio mit ins Grab“

Ein Besuch bei BR Heimat, ein Einblick in eine Philosophie

Man sendet „in diesem Internet“ und im Digitalfunk DAB, ist ein Spartenprogramm, spricht Dialekt, hat modernste Technik und ein nicht nur, aber vorwiegend älteres Zielpublikum. Was nach einer Klitsche klingt, entpuppt sich als veritabler Beweis dafür, dass Heimat ein positiv zu besetzender Begriff ist, dass Volksmusik Identität stiftet und dass das Gerede, dass alte Leute mit DAB, Satellit und Internet nicht zurechtkommen, ein rechter Schmarrn ist. Die Rede ist von BR Heimat, der innovativsten und jüngsten Welle des Bayerischen Rundfunks.

Stefan Frühbeis, Chef und Redaktionsleiter von BR Heimat, in seinem Büro
Stefan Frühbeis, Chef und Redaktionsleiter von BR Heimat, in seinem Büro

BR-Hochhaus, eine der unteren Etagen. Stefan Frühbeis, der Redaktionsleiter von BR Heimat, mag keine Hierarchien. Da kommt es ihm entgegen, dass er nicht weit oben sitzt. Und doch ist er, bescheiden und unprätentiös, der Chef einer der erfolgreichsten Wellen des Bayerischen Rundfunks. Vor zwei Jahren startete BR Heimat – nur im Digitalfunk und im Internet. Nach einem Jahr hatten sie die 200.000er Marke geknackt, im letzten Herbst 300.000. Der Sender stellt damit andere Spartenprogramme in die Ecke. Und Stefan Frühbeis widerspricht, dass nur ältere Menschen BR Heimat hören:


Ein Hinweis in eigener Sache: Die O-Töne, die Sie in diesem Blogpost hören, sind so gut wie unbearbeitet. Authentisch, so, wie es auch eine Maxime von BR Heimat ist.

Sprache schafft Heimat, Heimat ist Wertigkeit

Und genau deswegen dürfe man auch wieder von Heimat sprechen. Heimat habe Wertigkeit gewonnen. Im Vorfeld der Namensfindung habe man sich auch im BR überlegt, ob man einen Sender „Heimat“ nennen solle.


Darüberhinaus wird das Programm sogar in Südtirol über DAB ausgestrahlt, ein Beweis dafür, dass Volksmusik nicht nur auf Bayern beschränkt ist.

„Mi reut’s ned, dass i zualus“

Nach der Irritation zum ersten Sendergeburtstag, als der BR die „Verbannung“ der Volks- und Blasmusik von Bayern 1 in die digitale Heimatwelle verkündete, ist Ruhe eingekehrt. Trotz (zu hinterfragender) Proteste von Hörern, Volksmusik-Lobbyisten, bayerischen Musikräten und Musikern findet BR Heimat seine Heimat beim Hörer. Anhand der Zuschriften stellt der studierte Ethnologe Frühbeis fest:


Volksmusik in den verschiedenen Ausprägungen, Spielarten. Vielfalt. Über den eigenen Tellerrand rausschauen. Hörer, die das nicht kennen, mitzunehmen. Radio, wenig beratermäßig, aber das Ohr am Hörer. Und doch: Genau diesen Hörer mitnehmen, ermuntern.

„Und wenn i stirb, nimm i an Radio mit ins Grab“

Die Post kommt aus aller Welt zu BR Heimat. Für viele „Exil-Bayern“ ist das Programm ein Stück Erinnerung, manchmal an einen Urlaub, manchmal aber auch an die Heimat. Kurz, von Menschen, die sagen:


Frühbeis sieht BR Heimat nicht als Reservat des Dialekts, wenngleich mit deutlicher dialektaler Färbung moderiert wird, aber eine direkte Dialektsendung gibt es nicht. Er hält sie für nicht notwendig. Für „Dialekt-Unterricht“ sorge aber zum Beispiel Gerald Huber mit seinen Wortkundebeiträgen. Ansonsten dürfe man beim Allgäuer wie beim Franken hören, wo sie herkämen. Auch auf die Gefahr hin, dass man mal einige Worte nicht verstehe.

Das Glücksscheim steht im Büro von Stefan Frühbeis
Das Glücksschwein steht im Büro von Stefan Frühbeis

Programmvielfalt, kostenbewusst

Das Programm vom BR Heimat will nicht anecken, ganz bewusst. Das ist keine Verweigerung gegenüber dem Zeitgeist, das ist aber auch keine Kuschelpackung für Gestrige. Die seien im Programm ohnehin am falschen Platz. Wie gesagt, die Wertigkeit. Frühbeis sieht auch kein Problem darin, dass er mit einem vergleichweise kleinen Etat ein Rund-um-die-Uhr-Programm stemmen muss. BR Heimat sei oft Zweitverwerter von Korrespondentenbeiträgen. Aber das schade nicht, ein Beitrag könne um 12.08 Uhr in einem Regionalprogramm laufen und um 12.16 Uhr unbeschadet in BR Heimat. Originär hingegen ist „Habe die Ehre (Link zum Podcast)“ zwischen 10 und 12 Uhr. Hier ist jeden Werktag ein Studiogast eingeladen und man ratscht, für alle Norddeutschen mit den Worten von Frühbeis erklärt: Das ist wie die Unterhaltung am Gartenzaun.

Edith Schowalter ist Chefin vom Dienst und bereitet die Mittagssendung vor
Edith Schowalter ist Chefin vom Dienst und bereitet die Mittagssendung vor

In der Senderegie bereitet Edith Schowalter grade die Mittagssendung vor. Ihr Dienst beginnt in der Regel um 8 Uhr:


Im Sendestudio nebenan fängt Arthur Dittlmann mit der Mittagssendung an. Nach dem Verkehr das Erkennungszeichen des Senders, dann betätigt Dittlmann die Schalter am Mischpult und begrüßt mit seiner bekannten Stimme:


Widersprechen sich modernste Technik und Volksmusik nicht?

„Boarisch, des hat basst“

Bei BR Heimat trifft man viele der „altgedienten“ Moderatoren des BR wieder. Stimmen, die das Programm über Jahre prägten und den Reformen der Popularwellen zum Opfer fielen. So einer wie Arthur Dittlmann fühlt sich nicht abgeschoben – auf keinen Fall. Allein das Engagement bei Bayern 1 ist nicht mehr. Aber dafür war er bei der Gründung von BR Heimat von Anfang an dabei:

Arthur Dittlmann ist eine der akustischen Visitenkarten von BR Heimat - hier bei der Mittagssendung
Arthur Dittlmann ist eine der akustischen Visitenkarten von BR Heimat – hier bei der Mittagssendung

Das schönste Radioprogramm der Welt

Die Regionalität ist ausgewogen, die Musik oft nach Herkunft und Art getrennt – der Proporz, in Bayern nicht nur bei der Bildung einer Staatsregierung wichtig, stimmt einfach. Vielleicht ist das auch eine Auswirkung von Stefan Frühbeis, der Bass und Sousaphon spielt, Instrumente in der Volks- und Blechmusik, die eher grundieren, einen Rhythmus vorgeben als aberwitzig die Melodie führen. Aktuelle Informationen, Übernahmen oder zeitversetze Ausstrahlungen aus den anderen Wellen des BR fügen sich ins Programm ein. Und wenn mal die Technik ausfällt?

BR Heimat semper reformanda est

Alles zum Programm von BR Heimat finden Sie auf der Website. Zum zweiten Geburtstag am 2. Februar gibt es ein paar kleine Anpassungen. Der Tradimix wird eine Stunde kürzer, dafür spuit dann auch werktäglich um 17 Uhr die Blasmusik im Digitalradio des BR auf, bevor es in das Abendprogramm weitergeht. Achso, und die zweite Stunde Tradimix gibt es dann abends ab 22 Uhr. Und vielleicht sind es gerade auch Sendungen wie der Tradimix, die jüngere Leute für BR Heimat interessieren. Jedenfalls kann sich BR Heimat nicht darüber beschweren, ungehört in die Weite des Internets zu senden. Edith Schowalter:


Vielleicht ist es aber in reformfreudigen Radiozeiten auch ein Signal: Mehr Vielfalt, ohne Angestammtes aufzugeben. Das spiegelt sich auch in den Zuschriften, die Frühbeis gerne launig – aber authentisch – beantwortet:


BR Heimat – so sieht es Stefan Frühbeis – ist eben keine Jukebox, die seelenlos Musik dudelt. Das Programm wird von Menschen mit Gefühl und Wissen, Kenntnis der bayerischen Seele und der Vielfalt der Volksmusik gemacht. Und wer reinhören will: Den Programmkalender von BR Heimat gibt es hier.

Ad multos annos, Du DNA des Bayerischen Rundfunks!

Disclaimer:
Ich bin als Freier Autor für das Medienmagazin von B 5 aktuell tätig. Diese Tätigkeit hat jedoch keinen Einfluss auf Themen und Art der Berichterstattung, die Heinrich graut’s über das Haus veröffentlicht.

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