Ein schäbiges Begräbnis – Vom Ende der UKW-Frequenz 94,5 in München

Ein schauerliches Schauspiel bot sich denen, die am Nachmittag des 16. Februars in die BLM kamen, die Landeszentrale für neue Medien Bayern. An diesem Tag wurde mittels einer faktischen UKW-Amputation, die völlig unnötig war, das Leben des Aus- und Fortbildungskanals München auf der UKW-Frequenz 94,5 aufs Spiel gesetzt. Sissi Pitzer vom Medienmagazin des BR und ich kommentierten in Tweets

Dass es so kommen würde, war dabei allen Beteiligten fast klar. Schon vor drei Wochen hatte der BLM-Präsident Siegfried Schneider in einer Veranstaltung im PresseClub München die Richtung vorgegeben:

Zunächst ging es aber, wie so oft in Gremien, um Geschäftsordnungen und das Procedere. Auch wenn das eigentlich nichts mit M 94,5 zu tun hatte – es wirft ein bezeichnendes Bild auf das Getänzel und Geschwänzel vor der Entscheidung des Tages.

Wie immer, wenn eine Verhandlung stockt, kann man wie die Diskutanten einen Allgemeinplatz hervorzaubern, der in einer Diskussion fällt. In diesem Fall wurde das „Ergebnis“-Protokoll aus dem Hörfunkausschuss vorgetragen.

Auf welchem Gebiet sich die Sitzung des Hörfunkausschusses bewegte , wird aus dem Tweet von Sissi Pitzer deutlich:

Wider besseres Wissen und gegen die Erinnerung vieler Beteiligter, auch derer von M 94,5, betete der Vorsitzende des Medienrates die eines Drehhofers würdige Meinungsänderung von Siegfried Schneider nach. Bislang galt immer, dass ein Ausbildungskanal unter realen Bedingungen senden solle und müsse. Bislang. Bis das Werben von Rockantenne und egoFM um eine Stützfrequenz in München stärker wurde:

Auch Kollegin Pitzer hörte das:

Das (Hahaha, Ha.) ist mein Kommentar zu dieser Äußerung Joos/Schneider. Der Medienrat der Freien Wähler, die nicht als Digitalfreunde bekannt sind, postulierte für den Verbleib des afk auf UKW:

Aber schliesslich muss die BLM auch die Geldgeber der Privatradios bedenken. Diese wollen ihr aussterbendes Medium UKW noch lange haben, weil sie da Geld verdienen, während sie in DAB erst mal wieder investieren wollen. Aber wer will schon in die Zukunft investieren? Sieht man ja auch an den Digitalisierungsstrategien der Printmedien …

Auch hier in Klammern wieder eine Anmerkung von mir.
Hinweis: Natürlich ist die Empfangbarkeit der Rockantenne ein großes Plus, wirtschaftlich. Der Sender kann in der Media-Analyse ausgewiesen werden, die Werbepreise haben einen „meßbaren“ Gegenwert. Da die Rockantenne mit den Lokalradios vermarktet wird, können diese auf bessere Erlöse durch die Funkpakete der BLW (Bayerische Lokalradio Werbung) hoffen.

Ein wirklicher Höhepunkt der Diskussion um diesen Tagesordnungspunkt 6 war die Einlassung von Präsident Schneider:

Richtig. Nur zeigt gerade die Digitalstrategie des Bayerischen Rundfunks etwas ganz anderes. Hier wandert nächstes Jahr das Jugendradio PULS auf UKW, dafür BR Klassik auf DAB. Warum wohl? Weil Jugendliche sich zwar alle zwei Jahre ein neues Mobile kaufen (oder subventioniert per Vertrag leasen), aber das Geld für ein DAB-Radio nicht aufbringen (wollen). Was auch daran liegt, dass das ein weiteres Kasterl ist, den man rumschleppen muss, im Mobile haben einige UKW-Empfänger, manche opfern ihre Internet-Volumina. Zumindest da, wo Internet geht, kann man dann ja auch hören.

Eines der Meme des Medienrates, der ein privates Gegengewicht zum Rundfunkrat des BR ist, ist der Verweis auf die Flottenstrategie des BR, die als Kronzeugen-Beweis dafür gelten soll, dass man M94,5 UKW nehmen muss, damit der Privatfunk gegen den BR nicht verliert.

Mir erschliesst sich diese Logik jedenfalls nicht ganz. Unterdessen eine weitere Wortmeldung aus dem Gremium. Ulrike Gote, Vizepräsidentin des Landtags und medienpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen brachte zur Unterscheidung von Radio, Dudelfunk, öffentlich-rechtlich und privat ein:

Bekommen Sie manchmal EMails, die mit dem Satz „Die Digitalisierung verändert unser Leben“ beginnen? Fein. Präsident Siegfried Schneider offensichtlich auch, kann man aus dem Tweet von Sissi Pitzer erkennen:

Zeigt auch nur, dass der BLM der Kommerzfunk wichtiger als eine fundierte Ausbildung unter Echtzeitbedingungen ist. Unterdessen hat Ulrike Gote, einmal mehr wieder sehr hell und klar, erfasst, um was es denn gehen müsste:

Denn, richtig: Die Digitalisierung verändert unser Leben. Und die macht auch nicht vor dem Radio halt. Auch wenn – wie im Falle PULS/M94,5 gut abzulesen ist, das Digitale bei der Jugend noch einen etwas schweren Stand hat. Bei älteren Hörern (damit nehme ich den Klassik-Hörern ein wenig Angst) funktioniert das prächtig. Beispiel BR Heimat.

Letztlich sind diese 12.500 Euro, die jemand dem Betrieb des afk zuschießen müsste, einer der Punkte, warum die BLM die Frequenz an die Antenne verhökern will. Halt nein, mit Frequenzen wird nicht gehandelt, ist aus dem Halbrund der Medienräte zu hören:

Es war zwar ein Zitat von Timo Günther von DGB, was Sissi Pitzer auch sofort korrigierte. Aber selbst das ändert nix mehr an der traurigen Wahrheit.

Besonders bibelfeste Christen können mit den 30 Silberlingen etwas anfangen. Weniger Kundigen gebe ich das Stichwort „Judaslohn“ mit an die Hand:

Sehr schön für das Zurechtbiegen der eigenen Strategie ist auch dieses „Argument“ eines Medienrates:

Wie wir (siehe oben) wissen, hat die Jugend wenig Anlass, eine DAB-Radio zu kaufen, auch wenn wir das mögen täten wollen. Vor diesem Hintergrund dann das erweiterte Snede- und Empfangsgebiet eines DAB-Bouquets in die Waagschale zu werfen, hat schon so eine eigene Klasse. Und, btw: Warum kann nicht die Rockantenne das DAB-Ensemble gewinnbringend nutzen? Aber noch ein weiteres Trostpflaster haben die abschaltwilligen Medienräte für M 94,5. Fenster im Programm der Rockantenne. Über die man natürlich Beschlüsse fassen muss. Und die können, wie Ron Stocklas richtig bemerkt, zwischen 1 und 2 in der Nacht gesendet werden. Das ist für die freakigsten der Freaks ne Primetime. Vielleicht, das kommt mir grade, auch ein guter Ersatz für Domian?

Natürlich, türlich, türlich … unter besonderer Beröcksichtigung einer höheren Lähran-stalt äh, des Lokalkolorits und der Relevanz Münchner Themen in Niedersachsen.

Sissi Pitzer, erfahren mit Medienratssitzungen und wechselnden Auffassungen:

Jutta Müller vom BJV in der Diskussion:

Kollegin Pitzer mit einem mit Augenmaß und Fachkunde verfassten Urteil zum Medienrat in toto (Ausnahmen auch hier!):

Tja. Und dann: Die Abstimmung.

Damit bewahrheitet sich, was ich schon in der Diskussion als Eindruck wiedergab:

Tröstlich nur, dass die Kolleg*innen von M94,5 schon etwas zeit hatten, sich auf den Untergang das Debakel vorzubereiten:

Und damit von einem schäbigen Begräbnis zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

Edit: Sissi Pitzer kommentiert die Entscheidung für das Medienmagazin von B 5 aktuell.
Susanne Lettenbauer berichtet über die Medienratssitzung und Reaktionen im DLF.

Disclaimer:
Ich bin als Freier Autor für das Medienmagazin von B 5 aktuell tätig. Diese Tätigkeit hat jedoch keinen Einfluss auf Themen und Art der Berichterstattung, die Heinrich graut’s über den BR oder die Medienlandschaft veröffentlicht.

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