Never Walk Alone – Jüdische Identitäten im Sport

„Das Judentum gehört zu Deutschland.“ Ein Satz, der uns selbstverständlich erscheint. Dass das Judentum in unserem eben allgegenwärtig verankert ist, zeigt wieder einmal mehr die Sonderausstellung „Never Walk Alone. Jüdische Identitäten im Sport“, die bis Anfang nächsten Jahres im Jüdischen Museum München zu sehen ist.

Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums mit Ausblicken auf das Museumsjahr:

 

Der erste Ausstellungsraum ist einem riesigen Kicker nachempfunden. Anhand von Begriffen aus einem Fußballlexikon werden die Stationen unterteilt. In den überdimensionierten Stangen befinden sich die Ausstellungsobjekte. Multimediale Elemente geben ein beredtes Zeugnis dieser Zeit.
Der erste Ausstellungsraum ist einem riesigen Kicker nachempfunden. Anhand von Begriffen aus einem Fußballlexikon werden die Stationen unterteilt. In den überdimensionierten Stangen befinden sich die Ausstellungsobjekte. Multimediale Elemente geben ein beredtes Zeugnis dieser Zeit.

Die Shoa riss eine Lücke

Sarah Poewe war nach den Olympischen Spielen von 1936 die erste Sportlerin jüdischer Herkunft, die für Deutschland eine Medaille gewann. Das war 2004 in Athen, Bronze über 4 mal 100 Meter Lagen. So normal die Meldung über eine erfolgreiche Teilnahme an OLympischen Spielen einerseits klingt, so sehr zeigt sie doch auch auf, dass den Nachwirkungen der Nazizeit immer noch nachgespürt werden kann. Poewes Schwimmkappe ist im Jüdischen Museum München ausgestellt, der Begleittext endet, dass ihre jüdische Herkunft in der öffentlichen Wahrnehmung keine Bedeutung habe. Das war nicht immer so. Wie infam die Nationalsozialisten jüdische Sportler schon 1936 ausschlossen, schildert Kuratorin Jutta Fleckenstein anhand der Biografie von Gretel Bergmann. Die Leichtathletin stand auf Platz zwei der deutschen Jahresbestenliste. Zwei Wochen vor den Spielen 36 schickt man ihr einen Bescheid, …

Vom Leichtathleten bis zum Varietékünstler

Aber auch an heutzutage skurril anmutende Persönlichkeiten wie Siegmund Breitbart wird erinnert. Er trat Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts als starker Mann in Varietés auf:


Verhältnismäßig großen Raum nehmen die Boxer ein. Mit ein Grund: Viele, die aus Osteuropa kamen, haben sich bei der Teutonia Berlin engagiert. Aus dieser Zeit gibt es zur Person Jakob Malz einige Karikaturen zu sehen – Photo- oder Filmaufnahmen waren kaum möglich.

Bronzestatue eines Boxers, die als Preis verliehen wurde. die Statue wurde für die Ausstellung aus Neumexico importiert.
Bronzestatue eines Boxers, die als Preis verliehen wurde. die Statue wurde für die Ausstellung aus Neumexiko importiert.

Helene Mayer, ein Nazigruß und die Wahrnehmung

Auch auf die in Münchens Olympischem Dorf mit einem Straßennamen präsente Helene Mayer wird verwiesen. Ein von ihr getragenes Halstuch für Olympia-Teilnehmer ist zu sehen, daneben ein Brief an den Reichssportführer, in dem sie zu Informationen zu ihrer staatsbürgerlichen Stellung bat. Denn: nach den Rassegesetzen der Nazis galt sie als Halbjüdin, obwohl sie weder nach dem jüdischen Religionsgesetz noch in ihrer Selbstwahrnehmung Jüdin war. Sie durfte an den Spielen 1936 teilnehmen, errang Silber und zeigte (wie die meisten im Stadion) den Hitlergruß. Was ihre öffentliche Wahrnehmung für den Rest ihrer Karriere prägte.

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Arnold Schönberg entwickelte eine Notation für das Tennisspiel seines Sohnes, um die Spiele im Anschluss daran besprechen zu können. In der Ausstellung wird diese Schrift anhand eines Spiels visualisiert.

Schönberg entwickelt eine Tennisnotation

Selbst, wer sich nicht explizit für Sport interessiert, kann der Ausstellung viel abgewinnen. Sei es,d ass die Geschichte erzählt wird, wie Gert Rosenthal, Sohn des Showmasters Hans Rosenthal, für eine Makkabiade ein jüdisch-deutsches Feldhockey-Damen-Team zusammenstellte, oder wie der Sport vom Rabbinat bewertet wird. In der Thora kommt er nicht vor, dafür aber in den Auslegungen die Pflicht des Gläubigen, sich gesund zu erhalten. Und mithin darf dann – nach Meinung einiger Gelehrter auch gesportelt werden. Ein Gespräch vierer Rabbiner gibt Aufschluss darüber. Und wer wusste schon, dass Arnold Schönberg nicht nur der (Zwölfton-) Musik zugewandt war, sondern auch dem Theater, überhaupt den schönen Künsten – und dem Tennis. Neben einer Notenschreibmaschine entwickelte er auch eine Notation für ein Tennisspiel. Im Anschluss konnte Schönberg die Spiele seines Sohnes nochmals mit ihm durchsprechen.

Im ersten Stock des Museums taucht der Besucher in eine Fanarena ein – eine eins zu eins nachgebildete Tribüne
Im ersten Stock des Museums taucht der Besucher in eine Fanarena ein – eine eins zu eins nachgebildete Tribüne

Farbgestaltung erinnert an Olympia ’72

Detlef Weitz hat die Ausstellung gestaltet. Neben der an Olympia 72 in München angelehnten Farb- und Piktogrammgestaltung fällt auch das zweigeteilte Ausstellungskonzept auf:

 

Für die einen ist es ein Schwimmreifen – für die anderen ein jüdisches Sportgerät
Für die einen ist es ein Schwimmreifen – für die anderen ein jüdisches Sportgerät

Von der Journalistin und Publizistin Olga Mannheimer bekam Jutta Fleckenstein das zuletzt hängende Objekt der Ausstellung zugeschickt. Ein Schwimmreifen, pardon, ein jüdisches Sportgerät, wie es die Schenkende selber mit einem Augenzwinkern nennt. Die Geschichte dazu:


Die Ausstellung ist Dienstag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr zu besichtigen. Never Walk Alone geht bis 7. Januar 2018, Ausstellungskatalog (unbedingt zu empfehlen, wegen der weiterführenden Geschichten!) für 24,90 Euro im Museum erhältlich. St. Jakobsplatz 16, München. Weitere Infos im Internet.

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Teile der Bevölkerung würden sich verunsichert fühlen: Die Ausstellung im Jüdischen Museum grenzt nicht aus, sondern integriert und weitet den Blick
Teile der Bevölkerung würden sich verunsichert fühlen: Die Ausstellung im Jüdischen Museum grenzt nicht aus, sondern integriert und weitet den Blick
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