Pole zu sein, ist keine Nationalität, sondern ein Schicksal

Im Filmmuseum München gibt es bis Ende Juni eine Retrospektive fast aller Filme von Andrzej Wajda. Die Reihe ist eine Kooperation des polnischen Generalkonsulats mit dem Filmmuseum München.

Der polnische Generalkonsul Andrzej Osiak betonte, dass Wajdas Filme immer ein Dialog mit der Gesellschaft, mit der Intelligenzja waren. In der Tradition der Intelligenzja stand er, er war jemand, der die Gesellschaft abbildete und das thematisierte, was die Polen berührte:

 

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Der polnische Generalkonsul Andrzej Osiak

Dabei musste Wajda oft zu Tricks greifen, um durch die Zensur zu kommen. Andrzej Wolski, der einen Dokumentarfilm über Andrzej Wajda drehte, arbeitete heraus, dass der Regisseur oft Bildbotschaften benutzte, da Dialoge zu offensichtlich gewesen wären. So gibt es im Film „Der Kanal“ eine Szene, in der zwei Fliehende aus dem Warschauer Ghetto der Freiheit nahe sind, aber nicht frei kommen können, da ein Gitter den Kanalaustritt versperrt. Im Hintergrund sieht man die Weichsel und den anderen Teil der Stadt. Das Bittere: Das Gitter steht für die Unterlassungspolitik Stalins, dessen Truppen Warschau aus der Ferne beobachteten (vom anderen Weichselufer aus!), die Nazideutschen die „Arbeit“ machen und Warschau nach dem Aufstand 1944 sich selbst vernichten liessen, um dann als Sieger auftreten zu können. Auch zwölf Jahre nach dem Krieg konnte man darüber nicht offen reden, Polen war ein Satellitenstaat des Warschauer Paktes und hing am Tropf der UdSSR. Andrzej Osiak:


Vielleicht ist es deshalb notwendig, den Dokumentarfilm „Andrzej Wajda, großes Kino aus Polen“ von Andrzej Wolski zu sehen. Nicht, um seine eigene Sichtweise in die Intention des Regisseurs verkehren zu lassen, sondern, um die Sicht- und Arbeitsweise von Andrzej Wajda zu verstehen und in die Rezeption mit einfließen zu lassen. Stefan Drößler ist der Leiter des Filmmuseums. Er ordnet das Gesamtwerk ein, das als Ganzes wichtig war. Auch er verweist auf den Kontext, in dem man Wajdas Werk sehen muss:


Dass es zu der groß angelegten Retrospektive auf das Werk von Andrzej Wajda kam, ist der Rührigkeit des polnischen Generalkonsulates zu verdanken. Osiak und seine Mitarbeiter lassen, wie schon bei der Ausstellung „Ein Phoenix aus der Asche“ zu bemerken war, kaum eine Gelegenheit aus, Polen den Münchnern näher zu bringen. Stefan Drößler:


Ein tieferer Grund für diese Rührigkeit mag in der Geschichte Polens liegen. Polens Kultur, Polens Wille zum Fortbestand und Polens Besonderheit – das sind drei Faktoren, die sich auch in der ersten Strophe der Nationalhymne wiederfinden. Und ja auch bei uns sprichwörtlich geworden sind: Noch ist Polen nicht verloren … Andrzej Osiak:

 

Andrzej Osiak, Stefan Drößler, Andrzej Wolski und Marcin Król
Andrzej Osiak, Stefan Drößler, Andrzej Wolski und Marcin Król

Es lohnt sich, den Spielplan des Filmmuseums München anzuschauen. Bis Ende Juni sind die Filme im Programm. Schon der Dokumentarfilm von Andrzej Wolski, der am Abend auch selber anwesend war, macht Lust, auf die Entdeckung einer Bildersprache und einer filmischen Geschichte Polens zu gehen. Ganz abgesehen davon, dass Andrzej Wajdas wohl persönlichster Film, Katyń (Das Massaker von Katyn) auch zu sehen ist. Eine Abrechnung mit der Lüge, die staatlich gelenkt durch die UdSSR, 44 Jahre die Geschichte Polens prägte. Aber auch eine Abrechnung damit, dass Wajda seinen Vater im Krieg verlor, seine Mutter bis zum Tod hoffte, dass er wiederkehren würde. Aber auch die Triebfeder, die Andrzej Wajda zum Regisseur werden ließ. Vielleicht ist Pole zu sein eben doch keine Nationalität, sondern ein Schicksal.

Mehr zur Bio- und Filmographie von Andrzej Wajda bei Wikipedia.

Zur Website des polnischen Generalkonsulates mit weiteren Infos zu Andrzej Wajda.

Edit: Korrektur – statt das Ende des Warschauer Aufstandes, das der Film „Der Kanal“ beschreibt, stand in einer früheren Fassung der falsche Aufstand des Warschauer Ghettos. Ich bitte das Versehen zu entschuldigen.

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