Der Konzertsaal im Werksviertel: Ein Dorfplatz für Punks und Bürger

Diskussionen zum Münchner Konzertsaal in diesen Zeiten zu besuchen ist eher ein Zeichen von Treue zum Thema und buchhalterischer Notation jedes noch so kleinen Fortschritts. Manchmal vielleicht auch nur die Hingabe an eine Träumerei, wie denn das Ding da im Werksviertel mal aussehen könnte. Ein weiteres Kapitel schlug jetzt der Kongress „Architecture Matters“ im Technikum auf.

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Auf dem Podium diskutierten: Nadin Heinich, Jörn Walter, Johannes Ernst, Stefan Höglmaier, Silke Claus und Ayzit Bostan

Nachdem die Politik also die Weichen gestellt hat, das Werksviertel als Standort des Konzertsaals feststeht und ein engagierter Zeitplan vielleicht nur noch durch die Klagefreudigkeit eines Einzelnen aus dem Tritt gebracht werden kann, konnten sich Architekten, Politiker, illustre Gäste der Gesellschaft (so die Ankündigung) diesen Träumereien hingeben. Bei der abends angesetzten und mit gut einer Stunde Verspätung startenden „Munich Session“ führten vor allem Johannes Ernst und Jörn Walter das Wort. Der eine Mastermind des Werksviertel, der andere Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg. Ernst derjenige, der mit Steidle Architekten das Werksviertel durchplant, kreatives Potential aushebt, innovative Ideen mit und im Sinne von Chef Werner Eckart umsetzt und Walter der, der sechs Senatsregierungen überlebt hat und die Elbphilharmonie planen lassen und eröffnen konnte.

Vision und Konjunktion

15 Jahre dauerte das Gezerre und Gerede um einen Standort für einen Konzertsaal in München. Mehr als 30 Vorschläge, zum Schluss wurden fünf geprüft und Paketposthalle und Werksviertel blieben übrig. Johannes Ernsts Vision des zu errichtenden Konzertsaals ist auf wenige Punkte einzudampfen. Er muss sich einfügen:


Das bedeutet aber auch, dass in diesem Areal, in dem wenig abgerissen, sondern, wo immer möglich, überbaut wird und vorhandene Gebäude genutzt werden, kein Platz für eine Elbphilharmonie sein wird. Die Entscheidung für den Konzertsaal im Werksviertel zeitigt auch Folgen für den Bau, pflichtete Jörn Walter bei. Er zeigte die Hafencityerweiterung in Hamburg (das ist der Standort der Elphi) als grundsätzlich anderen städtebaulichen Aspekt auf:

Dorfplatz für Punks und Bürger?

Mit auf dem Podium saß auch Stefan Höglmaier von euroboden. Er und die Partner machen Architekturkultur. Höglmaier sieht ebenfalls, dass München vor anderen Herausforderungen steht:


Während die Elbphilharmonie also mehr ein in einem Multifunktionsgebäude liegender Musikaufführungsort ist, sie beinhaltet ja auch Läden, Hotelzimmer, bietet eine Plaza, ist öffentlicher Raum, muss sich ein Münchner Konzertsaal an den Faktoren des Werksviertels orientieren. Diese sind Arbeiten, Leben und Wohnen. Was daneben eine wirkliche Münchner Besonderheit ist: Die acht Eigentümer, denen das Areal Werksviertel gehört. Von der Rosenheimer bis zur Mühldorfstraße wird auf deren Grund ein städtischer Bebauungsplan umgesetzt. Eine Riesenkooperation, sagt Johannes Ernst. Im Gegensatz dazu sei erinnert, dass das Grundstück der Elbphilharmonie der Stadt Hamburg gehört und diese durch eine „Anhandgabe“ jemanden mit der Planung beauftragte. Aber zurück nach München. Das Werksviertel solle gleichermaßen für Punk und Bürger zugänglich sein, der Jugendliche, der junge Mann, so Ernst, werde zwischen Konzertsaal und Tonhalle seine junge Freundin nicht „wie auf dem McDonalds-Parkplatz knutschen“:

Schachteln, Sub- und Popkultur

Dieser Verschachtelung, diesem Überbauen, diesem Nebeneinander von Sub-, Pop- und Klassikkultur kann sogar Jörn Walter etwas Reizendes abgewinnen. Dazu hat er an die Münchner einen Rat:


Dabei wird es im Werksviertel, so Johannes Ernst, dank der Überbauten etwas geben, was es heute nicht mehr gibt: Enge Durchgänge, schmale Gassen, mithin ein fast mediterranes Ambiente. Gibt es nicht mehr bei Neuplanungen, da hat der Brandschutz etwas dagegen. Was nach dieser Munich Session auf der Architecture Matters bleiben wird? Die Hoffnung, dass Johannes Ernst bzw. die Eigentümer durchsetzen können und der Konzertsaal mit Geschäften, Musikschule, Öffentlichkeit kein weißer Elefant wird, der nur für Events sichtbar wird. Der Zeitplan steht, noch sei, so versichert Ernst, keine Preisgerichtssitzung verlegt worden. Dieses sei ja überhaupt gut besetzt:

Seehofers Ende?

Drei Monate konnten die Architekten sich Gedanken machen und es gab keinen Budgetrahmen. Aber ob Seehofer den Konzertsaal noch eröffnen wird? Johannes Ernst äußerte leise Zweifel, nicht zuletzt wegen der Kreativität eines Einzelnen. Aber der Zeitdruck sei auch gut:


Wenn diese Konzertsaaldiskussion etwas dazu beitragen kann, dass die Münchnerin, der Münchner, die Gegner und Zweifler des Standortes Werksviertel dem Projekt offener gegenüberstehen, dann hat die von Nadin Heinich organisierte und initiierte Konferenz Architecture Matters viel erreicht. Wünschenswert wäre es jedenfalls, vielleicht ist das der eigentliche Nachrichtenwert.

Auf großes Interesse stieß die „Architecture Matters“ beim Publikum. Foto: Tanja Kernweiss
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