#BEST2017 – Spezial: Die große Chance von DAB

DAB plus, das digitale Radio, tut sich immer noch schwer mit der Akzeptanz. Zu wenig Empfangsgeräte, zu viele Vorbehalte wegen des Klangs oder eines bearbeiteten Signals. Dabei führt langfristig kein Weg an DAB vorbei. Vor allem bei Navigationsgeräten, Telematik-Services und im Hinblick auf das automatisierte (autonome) Fahren. Eine Tagung beim Institut für Rundfunktechnik beschäftigte sich mit den Standards und machte klar, dass auch der Öffentliche Nahverkehr Teil der Informationskette zur Mobilität werden muss.

Digitales Radio- DAB – bietet vielfältige Zusatzdienste

Die Anfänge des Verkehrsfunks

Als der Verkehrsfunk in Bayern 3 anfing, da griffen die Verkehrsredakteure oft zum Telefon, riefen die Polizei und die Autobahnmeistereien an und mussten den meisten Ereignissen hinterher recherchieren. Das kostete wertvolle Zeit. Die Meldung musste getippt werden und dem Moderator ins Studio gebracht werden. Daniela Rembold vom BR Verkehrsfunk erinnert sich:


Dann kamen ziemlich schnell neue Techniken, erste Datenströme, die auch über das UKW-Signal verbreitet wurden, der ADAC gab erste Echtzeitmeldungen von Staumeldern raus. Heute bekommt man Prognosen, wie viel länger die Umfahrung einer Staustelle braucht oder wie hoch der Reisezeitverlust ist. Angaben, die der Hörer schätzt, die aber genauer betrachtet werden müssen, meint Rembold:

DAB – die Verkehrsdaten kommen ins Navi

Mit dem Einzug von DAB hat sich auch hier einiges geändert: Mit TPEG werden auf dem DAB-Strom die Daten ins Auto gespielt. Andreas Erwig von TomTom sagt, die neuen Navis leiten und führen weniger, sie raten zu Umfahrungen:


In den Verkehrsleitzentralen der Polizei und Autobahnmeistereien laufen unvorstellbare Datenmengen auf, vom Sensor, der die Fahrbahntemperatur misst, bis hin zur Kamera, die das Verkehrsaufkommen registriert oder den Daten, die Verkehrsmelder auch elektronisch bereitstellen. Ein regelrechter Datenwust:


Auch Innenminister Joachim Herrmann plädiert dafür, dass die erhobenen und gesammelten Daten schnell weiterverarbeitet werden. Denn Straßen werden nicht unendlich gebaut, irgendwann gerät die Infrastruktur an ihre Grenzen:

Technik nutzen statt warten und diskutieren

Viel zu lange haben die Menschen, die sich mit Verkehrsfunk und Telematik beschäftigen, von den möglichen Entwicklungen der Technik verleiten lassen. Hans Joachim Schade von TSE hat deswegen ein eindeutiges Plädoyer. Die Technik nutzen, die da ist:


Dabei setzt die ARD mit ihren Verkehrsdaten auf Transparenz und Offenheit. Da wird Kritik besonders an den Verkehrsverbünden und der Bahn laut. Wolfgang Kiesslich beschäftigt sich seit Jahren mit der Vernetzung und Individualverkehr (IV) und öffentlichem Nahverkehr (ÖV). Hartes Gericht für die Bahn:


Aber auch an den Automobilherstellern wird Kritik laut: Maik Elster vom SWR ist in der Programmdirektion Referent für Kultur, Wissen und Junge Formate. Er moderierte mit Daniela Rembold die Veranstaltung und forderte mehr Offenheit:

Mehr Offenheit schafft bessere Informationen

Hans Joachim Schade von TSE sieht das ähnlich. Mehr Offenheit würde der Branche gut tun, weniger Beharren auf Zuständigkeiten als mehr Open Source. Zwischen Dienstanbieter und -betreiber sei fast nicht mehr zu unterscheiden. Schade sieht eine Notwendigkeit in der Annäherung der Öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft. Auch im Hinblick auf Planungs- und Datensicherheit:

Das Internet ist nicht die Lösung für das Radio

Natürlich gibt es auch diejenigen, die sagen, dass DAB dabei ein falscher Weg sei. Das Internet sei völlig ausreichend und es sei DAS Medium der Zukunft, DAB höchstens eine Übergangslösung. Nur: Die Funknetze sind überlastet. Und die Mobilfunkbetreiber wollen große Datenmengen, die viel Geld kosten. Vor allem auch die Mobilfunker, so Andreas Goršak von JVC-Kenwood:


In einer Stadt kann man zwar eher davon ausgehen, dass Streamingdienste (und auch Radio ist ja nichts anderes) funktionieren – aber sicher ist das nicht. Und auf dem Land: Da schaut der User in die Röhre. Beziehungsweise empfängt keine Daten, weder Musik noch Text. Andreas Goršak:


Gegen die Internetprovider als Versorger für Verkehrsinformationen und Zusatzdienste sprach sich auch Thomas Wächter aus. Er arbeitet bei Media Broadcast, die noch einen teil der UKW-Sender und DAB-Sendernetze betreiben. Wächter warnte vor Informationslöchern bei Mobilfunk, selbst bei Vollversorgung:

 

Verkehrswarnung auf dem Navi in einem Mercedes. Funktioniert auch bei ausgeschaltetem Radio. DAB liefert auch so die Daten

Genau diese zwei, drei Minuten, in denen keine Information kommt, führt Wächter als Kronzeuge an. Gut 1,5 Kilometer vor einem Stauende warnen Navigations- und Verkehrsleitsysteme vor einem Stauende. Diese sind besonders unfallträchtig. Die DAB-Datendienste können nach Meinung der Tagungsteilnehmer bei der IRT dafür sorgen, dass ein Auto rechtzeitig abgebremst werden kann. Erst recht wird das wichtig beim automatisierten (oder autonomen) Fahren.

Milliardengrab Streaming

Und noch andere Aspekt prädestiniert DAB als den Rundfunk- und Informationsstandard der Zukunft. Leo Fischer, der beim BR für die technische Leitung von Digital- und Verkehrsfunk zuständig ist, sagt, dass die Kosten für Streaming übers Internet ein Milliardengrab seien. Angesichts der Deckelung der Haushaltsabgabe ein gewichtiges Argument – hier können Kosten minimiert werden. Das Klangargument lässt er nicht gelten: Auch UKW ist nur eine Datenreduktion angesichts der Bandbreite einer Originalaufnahme. Da kommt seiner Meinung nach auch keine CD heran. Und: DAB ist daneben auch inklusiv.


Somit könnte Maik Elster mit seiner Einschätzung recht behalten, dass die Schnelligkeit und Überall-Verfügbarkeit von DAB lebensrettend sein kann:

 

Maik Elster, Daniela Rembold und Lisa Seemann steuerten Moderationen und Beiträge zur Veranstaltung bei. Foto: Twitter/IRT

UKW hat bald ausgedient, da Internet ist keine perfekte Lösung und DAB scheint durch die Fülle der Zusatzdienste geradezu das Medium der Zukunft für daheim und unterwegs zu sein. Mancher mag sich da noch, wie Staatsminister Herrmann, an die Anfänge des Verkehrsfunks erinnern. Damals, als vieles noch gemütlicher war:


Der gesprochene Verkehrsfunk wird nicht aussterben – aber er wird immer mehr durch Navigationssysteme und die Daten zur Verkehrslage ergänzt werden. Bleibt zu hoffen, dass der Öffentliche Nahverkehr sich bald öffnet und im Sinne einer optimierten Mobilität mitmacht.

Disclaimer: Ich bin freier Autor für den Bayerischen Rundfunk. Die Einladung zur Tagung erhielt ich über Kollegen des SWR. Beides hat keinerlei Einfluss auf die Berichterstattung, da ich erklärter DAB-Befürworter war und bin.

 

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