Gabriele Münter und die Volkskunst

Eine Ausstellung in zwei Museen

Am 19. Februar 2017 jährte sich der Geburtstag der Malerin Gabriele Münter zum 140. Mal. Dies ist Anlass für das Schloßmuseum Murnau und das Oberammergau Museum, Münters Werk und seine Bezüge zur Volkskunst in einer gemeinsamen Ausstellung aufzuzeigen.

Das titelgebende Bild der Ausstellung stammt aus den Beständen der Vatikanischen Museen

Das Titelbild der Ausstellung ist auch im Original in Murnau zu sehen, es mag die spektakulärste Leihgabe sein. Sie kommt aus den Vatikanischen Museen. Sandra Uhrig, Leiterin des Schloßmuseums Murnau, zur Entstehungszeit und den Umständen:

 

Gabriele Münter ließ sich durch die Hinterglasmalerei inspirieren und schaffte selbst eigene, nicht nur religiös motivierte Bilder

Angeregt durch ihren damaligen Lebensgefährten Wassily Kandinsky, der bereits 1889 als Jurist und Nationalökonom auf einer Forschungsreise im russischen Gouvernement Wologda mit der Volkskultur nachhaltig in Berührung gekommen war, entwickelte auch Gabriele Münter eine Begeisterung für die Erzeugnisse der Volkskunst. Sie begann, Hinterglas- und Votivbilder, Heiligen- und Spielzeugfiguren zu sammeln, die sie auf gemeinsamen Reisen, während ihrer Aufenthalte in Murnau und Umgebung, aber auch in München auf der Auer Dult oder bei spezialisierten Händlern fand. Bei Heinrich Rambold, einem in Murnau ansässigen Hinterglasmaler, erlernte sie die Maltechnik und verfeinerte ihre Fertigkeit, indem sie zunächst dessen Vorlagen kopierte. Die über 1.000 Stücke umfassende Sammlung von Hinterglasbildern des Murnauer Braumeisters Johann Krötz, der seit Ende der 1880er-Jahre Bilder aus dem Staffelseegebiet und aus Oberammergau zusammengetragen hatte, ermöglichte ihr – wie auch Kandinsky, Franz Marc und Alexej von Jawlensky – einen tieferen Einblick in Themen, Motive und regionale Charakteristika der Hinterglasmalerei. Constanze Werner, die Leiterin des Oberammergau-Museums:

 

„Der Schreck“- Münter malte auch eine Katze, die sich vor einem Spielzeugelefanten erschreckt. Beide Figuren gibt es auch in einer kleinen Modellsammlung zu bewundern

Die Volkskunstbewegung in München und Oberbayern

Die Faszination für Volkskunst hatte damals nicht nur Kandinsky erfasst. Zeitgleich – seit den späten 1890er-Jahren – hatte sich auch in Münchner Architekten- und Künstlerkreisen ein verstärktes Interesse an den Erzeugnissen der oberbayerischen Volkskunst entwickelt. Dieses führte 1902 zur Gründung des Vereins für Volkskunst und Volkskunde. Gründungsmitglieder waren u. a. die Architekten Gabriel von Seidl und Franz Zell, aber auch der Murnauer Braumeister Johann Krötz und der Oberammergauer Schnitzwarenverleger Guido Lang. Letzterer ließ, dadurch angeregt, in den Jahren 1904 bis 1910 das Oberammergau Museum für seine Sammlung von Oberammergauer Schnitzereien und Hinterglasbildern errichten. Franz Zell, sein Architekt und Innengestalter, ergänzte diese Bestände durch Ankäufe auf der Auer Dult.

Links eine Hinterglasmalerei, sie stellt den Heiligen Florian dar. Dieses Bild taucht rechts im Gemälde wieder spiegelverkehrt auf.

Die Authentizität der beiden Orte Murnau und Oberammergau prägt die gemeinsame Ausstellung, die zum ersten Mal den bislang unbeachteten Zusammenhang zwischen der allgemeinen Entdeckung der Volkskunst um 1900 und der spezifischen Begeisterung Gabriele Münters für diese herstellt. Münter hat in Murnau gemalt und gelebt, ihr Werk ist seit über zwei Jahrzehnten einer der wichtigsten Forschungsschwerpunkte des Schloßmuseums Murnau, ebenso wie die Volkskunst des Staffelseeraums. Das 1910 eröffnete Oberammergau Museum präsentiert die denkmalgeschützten Räume mit der volkskundlichen Sammlung bewusst in zeittypischen Arrangements, wie Gabriele Münter selbst diese dort gesehen haben kann. Sandra Uhrig vom Schloßmuseum Murnau zur Zusammenarbeit mit Oberammergau:

Schloßmuseum Murnau

Gabriele Münter integrierte ihre volkskundliche Sammlung, die sie in der gemeinsamen Wohnung in München und in ihrem Haus an der Kottmüllerallee in Murnau auf Konsolen, Schränkchen und Tischen arrangierte, bis in ihr Spätwerk hinein in Stillleben und Interieurs. So finden sich in der Ausstellung neben einem Selbstbildnis Münters auch ein Gemälde, das Kandinsky in typischer Tracht am Tisch der Stube sitzend zeigt. Sandra Uhrig:

 

In Murnau finden sich ein Selbstbildnis Münters und ein Bild, das Kandinsky in landestypischer Tracht am Tisch der Stube sitzend zeigt

Um 1911 häuften sich allerdings die Arrangements, die in der Zusammenführung religiöser und profaner Objekte einen eigenwillig mystischen Charakter erlangen, aber auch als sehr persönlicher Ausdruck ihrer Lebensstationen gedeutet werden können. Neben Madonnen- und anderen Heiligen- sowie Spielzeugfiguren aus dem Erzgebirge finden sich auf ihren Bildern auch ein russischer Kovsch, ein skandinavisches Dalarnapferd und ein englischer Kaminhund. Abgerundet werden ihre Arbeiten und Hinterglasbilder durch Werke ihrer Freunde und Wegbegleiter wie Alexej von Jawlensky, Maria und Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Otto Nebel und Hermann Stenner.

Oberammergau Museum

Insgesamt zehn Hinterglasbilder wurden in den Almanach „Der Blaue Reiter“ aufgenommen. Neun davon stammen aus der Sammlung Krötz und werden seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder gemeinsam gezeigt. Bestimmte Themen (Hl. Florian, Hl. Georg, Hl. Theresia, Madonnen) und Darstellungsweisen (Farbigkeit, Ausführung der Umrisslinien) faszinierten Gabriele Münter bei den Hinterglasbildern wie bei den geschnitzten volkskundlichen Skulpturen besonders. Die ausgestellten Exponate aus der Sammlung Krötz sowie von Oberammergauer Schnitzereien beleuchten diesen Aspekt. Der Einfluss Heinrich Rambolds auf Münters Hinterglasbilder wird in seinen ausgestellten Werken deutlich.

Die Ausstellung ist bis zum 12. November 2017 im Schloßmuseum Murnau und im Museum Oberammergau zu sehen. Beide Museen sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. In Murnau kostet der Eintritt zur Sonderausstellung sechs Euro, in Oberammergau 3,50€. Bei Vorlage der Eintrittskarte des Partnermuseums gibt es Ermäßigung. Ein Katalog für 25 Euro rundet das Angebot ab. In Murnau gibt es zusätzlich ein museumspädagogisches Angebot für Kinder. (mit Texten der Museen)

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