Inwieweit haben Fakenews die Bundestagswahl beeinflusst?

Populismus und Massenmedien haben ein enges Verhältnis: Personalisierung, Reduktion von Komplexität, Dramatisierung und Emotionalisierung sind typische Elemente moderner Massenkommunikation wie auch des Populismus. Man kann zu dem Schluss kommen, dass sie einander bedingen. Das Verhältnis von Populismus und Massenmedien hat sich durch digitale Online-Medien wie soziale Plattformen (Twitter, Facebook, Instagram oder Youtube) dramatisch verändert und verschärft.

BILD-Schlagzeilen, zusammengestellt von uebermedien

Diese Ausgangslage zugrunde gelegt, führte Dr. Michael Schröder in der Akademie für politische Bildung eine fundierte Wahlanalyse durch. Die Daten kamen von infratest dimap und machten vor allem klar, dass die Strategien der bisherigen Koalitionspartner CDU/CSU und SPD nicht aufgingen, jedenfalls, was die Problematik des Zuwachses der AfD in der Wählergunst betrifft. Schröder zum Versagen der Altparteien und zum Nutzen, den die AfD im zurückliegenden Bundestagswahlkampf daraus ziehen konnte:

 

Die Zahlen von infratest dimap sprechen dabei eine sehr deutliche Sprache: Seit 2013 wandelte sich das Thema Flüchtlinge konstant zu einem Dauerbrenner. 47 Prozent spricht das Thema an. Aus dieser Gruppe sagen 90 Prozent, dass abgelehnte Asylbewerber schneller abgeschoben werden sollen. Aber immerhin noch 54 Prozent empfinden Flüchtlinge als eine Bereicherung für unser Land. Ein anderes Thema, mit dem vor allem die SPD punkten wollte, war die Soziale Gerechtigkeit. Nur: Die Themensetzung hat der SPD nicht genutzt. Es war eine strategische Fehlentscheidung, das an den Anfang der Kampagne zu stellen.

Populismus zielt gegen „Eliten“

Rund 30 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland, das ergeben die Zahlen der Wahlforscher, haben eine populistische Einstellung. Diese zielt gegen Eliten, Mächtige, gegen Pluralismus und gegen politische Parteien, denn: die AfD-Anhänger, wie auch die der Identitären oder von Pegida verstehen sich weniger als Partei denn als Bewegung. Die Führer dieser Bewegungen propagieren einen Volkswillen, die Wähler ihrerseits gehen von diesem einheitlichen Volkswillen aus. Und dafür brauche man keine Repräsentanten, sondern eine direkte Demokratie. Michael Schröder über diesen Zusammenhang:

 

Stimmungen und Ansichten über einen (vermeintlichen) Volkswillen werden vor allem durch Fake News befördert. Zunächst sind diese keine journalistischen Fehlleistungen, sondern gezielte Desinformationskampagnen: Es ist Propaganda, es ist zielgerichtete Beeinflussung. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass just dieses Wochenende der Spiegel mit einer Geschichte aufmacht, dass besonders AfD-Wähler für Fake-News anfällig sind.
Die Veränderung der Medienlandschaft begünstigt das Phänomen von Fake News und alternativen Fakten. Die Kosten für die Verbreitung in Sozialen Netzen, rechten Blogs und den eigenen Filterkammern sind überschaubar. Rundfunksender, Fernsehen, Publicity von großen Zeitungen braucht es fast nicht mehr. Klar ist, dass sich die politische Kommunikation dadurch sehr verschärft hat.
Das Phänomen der Filterkammern und der daraus resultierenden Protestwähler taucht indes nicht nur bei rechten Bewegungen auf, auch die Linke ist eine solche Protestpartei. Allerdings, das zeigte die Bundestagswahl, mit schwindendem Einfluss. Vielleicht, weil auch schon zu sehr im System verhaftet?

Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 auf einer Folie zusammengefasst

Wähler, Wähler, du wirst wandern

Professor Carsten Reinemann von der LMU München wartete mit interessanten Zahlen zur Wählerwanderung auf. Wer dachte, dass die AfD sich nur aus CDU/CSU-Wählern ihr Potential holt, dem sei gesagt, dass von der Union zwar rund 980.000 Wähler zur AfD migrierten, aber von der SPD auch 470.000. Die Linke verlor rund 400.000 Wähler an die rechten, die Grünen rund 40.000. Und: Die AfD konnte vor allem Nichtwähler motivieren: 1,2 Millionen.

Das Dilemma der Journalisten

Durch mehr Berichterstattung wird eine Partei sichtbarer. Das scheint das Dilemma der Journalisten zu sein. Dass die AfD dabei mehr als andere Parteien in Diskussionsrunden auftrat, verweist Reinemann ins Reich der Märchen:

 

Carsten Reinemann und Peter Welchering bei der Diskussion

Gibt es dabei eine Berichterstattungspflicht der Medien, die vielleicht auch durch steigende Umfragewerte begründet ist? Reinemann meint: Ja. Einen Unterschied macht der Professor aber im Unterschied zwischen Boulevard und Öffentlich-Rechtlichen aus:

„Die Medien sind über zu viele Stöckchen gesprungen“

Eine differenziertere Ansicht dazu hat Peter Welchering. Der Kollege, der viel für den Deutschlandfunk, Bayern2 und das ZDF auch zu elektronischen Begleiterscheinungen des Journalismus schreibt, glaubt, dass die Medien über zu viele Stöckchen gesprungen sind, die ihnen die AfD hinhielt. Ein gutes Beispiel: Der Tweet der AfD zum ersten Wiesn-Wochenende ist sattsam bekannt. Für Welchering unverständlich, dass das in die Tagesschau geraten konnte. Einfach nur übernehmen und widerlegen sei ganz schlecht gewesen, so der Journalistentrainer:

 

Für Welchering ist aber klar, dass die Diskussion in Gesellschaft und Journalismus weitergehen muss. Auch auf Social Bots müsse dabei geachtet werden, meint Welchering im Interview:

 

Die Tagung in der Akademie für Politische Bildung Tutzing fand in Kooperation mit der Europäischen Akademie Bayern und dem Landesverband Bayern der Deutschen Vereinigung für die politische Bildung e.V. statt.

 

 

— — Ihnen hat dieser Artikel gefallen? — —

Ich arbeite in diesem Blog ohne Honorierung durch Auftraggeber. Eine Webpräsenz ist aber auch nicht umsonst zu haben. Deswegen freue ich mich über eine Anerkennung meiner Leserschaft. Sollten Sie nicht über PayPal verfügen, aber dennoch spenden wollen: DE67700905000006574467, BIC: GENODEF1S04 (Paypal zieht ziemliche Gebühren ab.) Herzlichen Dank und Vergelt’s Gott!

€1,00

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s