Zum Tode von Franz Niegel

Wer seine schwachen Hände hineinlegt in Gottes starke Vaterhand, hat sie hineingegeben in den Schoß der ewigen Liebe. Und so mag er getrosten Herzens auf das Meer der Welt mit all den Stürmen und Fährnissen, die es geben mag, hinausfahren, um Gottes Fischer zu sein, denn der ist ja alle Tage bei ihm, der gesagt hat: „Seid nur getrost, ich habe die Welt überwunden.“ – Amen.

(aus der Primizpredigt von Joseph Ratzinger für Franz Niegel, 4. Juli 1954)

Wenn es so etwas wie katholische Sozialisation gibt, dann hat Monsignore Franz Niegel bei mir den entscheidenden, prägenden Anteil daran. Der ehemalige Pfarrer von Unterwössen ist am Donnerstag (26.10.2017) im Alter von 91 Jahren gestorben. Niegel war ein volkstümlicher Pfarrer. Besondere Verdienste hat er sich um die alpenländische Volksmusik erworben.

Eines Samstags, es muss November 1973 gewesen sein, war eine Beerdigung. Meine Mutter schickte mich in die Kirche. Ich saß im kleinen Seitenschiff der Kirche St. Martin, da, wo nur wenige Menschen saßen, der Lektor und ein paar alte Mütterlein. Franz Niegel kam aus der Sakristei zielgerichtet auf mich zu, er hatte schon die Albe an (übrigens, das nur am Rande: Er trug die Stola immer gekreuzt). Franz Niegel lud mich ein, mit zu ministrieren. Ich wollte nicht, er aber beharrte drauf: Du musst nur mit den anderen mitgehen. Also fügte ich mich und war ab diesem Zeitpunkt wohl einer der eifrigsten Ministranten.
Als es zur Kommunionausteilung kam, legte ich wie die anderen die Hände ineinander, um das Stück Brot zu empfangen. Franz Niegel zeichnete mir nur ein Kreuz auf die Stirn. Das mag so zwei oder drei Mal gegangen sein, dann bekam ich statt des Kreuzzeichens auch den Leib des Herrn. Ich hatte noch keine feierliche Erstkommunion gehabt, aber nun gut, er erachtete mich wohl als ernsten, kleinen Jungen, der mit an den Tisch des Herrn dürfe.
Als ich eines morgens zur Frühmesse erschien, entschied er, weil der Lektor nicht kam, dass ich die Lesung halten sollte. Da war ich grade in die dritte Klasse gekommen. Vielleicht bin ich damals der jüngste Lektor Deutschlands gewesen, ich weiß es nicht, es war mir auch recht egal. Ich schaute kaum über den Ambo, der Mesner, Andreas Seestaller, stellte mir den ausgedienten Sockel einer Heiligenstatue hinter den Ambo, ich stand mit einem Fuß und auf Zehenspitzen drauf. Sehen konnte mich wohl keiner der Gläubigen, dafür aber hören. Ab dem Zeitpunkt gehörte ich neben zwei Schwestern, verschiedenen großen Pfarrgemeinderäten und älteren Ministranten zum Ensemble der Lektoren.
Wiederum Jahre später, ich war dank eines Stipendiums, das er befürwortete, ins Studienseminar St. Michael in Traunstein aufgenommen worden, mit den Eltern wieder ins Rheinland gezogen, ins Nikolauskloster gegangen, weil ich Pfarrer werden wollte und wieder zurück nach Unterwössen gezogen, machte er mich zum Kommunionhelfer. Eine für Unterwössen klassische, wenngleich auch ungewöhnliche Karriere eines „Preissn-Buam“. Dazu aber ein ander Mal mehr.
Ich war bei der Bundeswehr, diente in München, Franz Niegel musste zum BR, eine seiner berühmten Volksmusiksendungen aufnehmen. Auf dem Rückweg nahm er mich mit nach Unterwössen. Diese Fahrt bleibt mir in guter Erinnerung, weil sie mehr ein Beichtgespräch wurde. Ich war damals mit der Kirche unzufrieden, meine Karriere als Pfarrer hatte sich erledigt, das Kloster hatte ich nach vier Jahren verlassen, die Liebe kam dazwischen. Und in meinem Leben ging es rund, mit Kirche hatte ich wenig am Hut. Irgendwie passte für mich alles nicht mehr zusammen. Selbstzweifel, Gotteszweifel. Und dann diese Fahrt aus München nach Unterwössen, ein langes Gespräch mit Pfarrer Niegel, ein „Ego te absolvo“ an der Autobahnabfahrt Bernau. Ein mit Gott, der Kirche und der Menschheit versöhnter junger Soldat, dem der Pfarrer allerdings ausredete, zum Radio zu gehen. Warum er das tat und warum ich mich Jahre später nicht dran gehalten habe, das vermag vielleicht der liebe Gott zu wissen, vielleicht auch der Monsignore Niegel, der jetzt sicher seinen Platz bei ihm hat.
Franz Niegel lernte im Studium Joseph Ratzinger kennen, diese Freundschaft dauerte ein Leben lang an. Die drei Ratzinger-Geschwister waren oft in Unterwössen zu Gast, durch ihn habe ich auch den Kardinal, Kurienkardinal und späteren Papst Benedikt schätzen gelernt.
Mag mit meinen Diensten in der Kirche auch nicht alles nach römischer Ordnung gegangen sein, die verfrühte Kommunion, das Lektorenamt, Franz Niegel war hier wie auch im realen Leben Pragmatiker. Mein Mutter war das zweite Mal verheiratet, er lud sie und ihren Mann zur Kommunion ein. Beide machten allerdings nie Gebrauch davon. Meine Schwester hat eine evangelische Taufpatin. Niegel hat in den 70ern schon einiges von dem vorweggenommen, das vielleicht nun auf dem Stuhle Petri ein anderer zu bewegen versucht.
Daneben erlebte ich glanzvolle Aufführungen alpenländischer Volksmusik, sei es in der Kirche oder im Pfarrheim. Die Walchschmied-Buam sind mir in Erinnerung, natürlich das Ensemble Tobi Reiser oder die beständige Erinnerung Niegels an Annette Thoma, die unter anderem die Bauernmesse schrieb. Nur wenigen war bekannt, dass Franz Niegel auch zu großen Schauspielern Kontakt hielt. Er war persönlicher geistlicher Begleiter von Maria Schell und Magda Schneider, aber auch sehr gut befreundet mit Hildegard Knef, die er nach ihrer Rückkehr aus den Staaten oft in München besuchte.

Franz Niegel starb nach Herzinfarkt und Schlaganfall in Marquartstein, wo er die letzten Jahre seines Ruhestandes im Rollstuhl verbrachte.

Im SPIEGEL erschien 1980 eine Geschichte über Unterwössen und Pfarrer Franz Niegel, die ihn durchaus treffend beschreibt.
Auszüge aus der Primizpredigt von Joseph Ratzinger für seinen Freund Franz Niegel und seine Vita zeichnet das Blog des Stiftsland Berchtesgaden nach.

BR Heimat wiederholt eine von Monsignore Franz Niegel gestaltete Sendung zu Allerheiligen.

Unvergessen und „Vergelt’s Gott, Herr Pfarrer.“

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