Disney’s Der Glöckner von Notre Dame im Deutschen Theater München

Irgendwann muss doch Cinderella kommen und mit zartrosa Zuckerguss alles gut machen. Die schlechte Nachricht: Cinderella taucht nicht auf. Die gute Nachricht: ernsthaft vermissen konnte sie keiner. Disney’s „Der Glöckner von Notre Dame“ ist ein wunderbar opulentes Musical, reich ausgestattet und technisch wie schauspielerisch perfekt.

Quasimodo, Photo Johan Persson (c) Disney

Man sieht auf dieser Bühne sehr viel. Die Kathedrale von Notre Dame ist der Hauptspielort, wenn im Dombereich gespielt wird, sieht man ein Fenster über dem Eingang leuchten, der Hall auf den Stimmen klingt wie in einer Kathedrale. Wenn die Handlung in die Turmkammer, dem Zuhause von Quasimodo, blickt, dann weitet sich die Eingangspforte von Notre Dame zum Fenster mit blauem Himmel und Wolken. So echt und eindrucksvoll, wie es einem Disney-Film entspringen könnte. Überhaupt: Die Enge des Eingangsbereichs der Kathedrale, die Turmkammer: Es hat wahrlich Kammerspiel-Qualitäten. Und ein wenig Brecht entdeckt man auch: Die Geschichte von Quasimodo und Esmeralda wird eingebettet in eine Rahmenhandlung, die eingangs die Abstammung von Quasimodo klärt und ausgangs die Auffindung der beiden Skelette in inniger Umarmung wiedergibt. Quasimodo schnallt seinen Buckel auf und ab und nimmt die Bewegung und Haltung der Krüppelgestalt an. Auf offener Bühne, so hätte es Brecht im epischen Theater gefallen.

Durch eine überaus geschickte Lichtregie bekommt man ansonsten die kleineren Umbauten auf der Bühne kaum mit, wenn etwa Kirchenbänke zu Wirtshausbänken zum Krankenlager werden, Wenn irgendwo mal wieder ein Topf mit Pyrotechnik explodiert. Die ganze Truppe ist in Bewegung, wandelt sich, erstarrt, bildet Volk, Zigeuner*, Mönche, Bühnenarbeiter. Alle sind in Bewegung, bis auf den Chor: Der sitzt in einem zweigeschossigen Chorgestühl im Dunkeln der hinteren Bühne, hat alle Münder voll zu tun: Ist ständig in der Musik präsent, ohne hervorzustechen, von den Solostellen abgesehen. Und die Musik? Präzise. So präzise, dass man sich in einem von Disney gezeichneten Film glaubt: Auf den Punkt. Das gilt auch für die Effekte. Kathedral-Balustraden und Schranken werden da zu Verlies-Türen, Steinfiguren der Kathedrale werden durch Schauspieler lebendig. Die meisten dieser szenischen Maßnahmen sieht man kaum in der Entstehung, die Lichtregie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Handlung und die Spieler. Eines geht in das andere über.

Nein, Cinderella vermisst man nicht. Und die Skepsis, was Disney da wohl als Musical gezimmert hat, weicht mit dem langanhaltenden Schlussapplaus der Premiere dem Gefühl, Augen-, Ohren- und Zeitzeuge einer großen Geschichte geworden zu sein. Brutale ungeschminkte Bilder, kräftig in der Übersetzung auf die Bühne. Wie mühsam das Casting, die Proben, das Zusammenschweißen der Truppe gewesen sein mag, stellt man sich lieber nur vage vor.
Was bleibt: Mehr als zwei Stunden bester Unterhaltung. Musikalisch, schauspielerisch und szenisch von höchster Qualität: Reingehen. Jede Minute ist ihr Geld wert.

Die Glocke (links) im Foyer des Deutschen Theaters. Photo: privat

Der Glöckner von Notre Dame, bis zum 07.01.2018 im Deutschen Theater München.
Vorstellungsbeginn:
Dienstag – Freitag: 19:30 Uhr
Samstag: 14:30 Uhr und 19:30 Uhr
Sonntag: 14:30 Uhr und 19:00 Uhr
Einlass eine Stunde vor Vorstellungsbeginn
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Sprache:Songs und Dialoge in deutscher Sprache
Preise:ab 30,00 €

*unpolitisch korrekt, aber so im Bühnentext

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