memento mori: Der Tod als ständiger Begleiter

800-Buehnenbild-Inszenierung-P1040539Zur Aufführung von „La Clemenza di Tito“ in der Reithalle von Schloss Maxlrain

Zugegeben, auf diesen Kniff muss man erst einmal kommen: Mozarts Oper „La Clemenza di Tito“ mit einer Arie von Händel zu unterbrechen. Eine Praxis, die in den Frühjahren der Oper durchaus üblich war, eine Praxis, die aber in unseren Zeiten der komplexen und durch nichts zu störenden Aufführungspraxis verstört: Mozart verstanden.

Lässt man sich allerdings auf diesen Kniff ein, dann stellt man fest, dass „Loathsome urns“ weit über seine Funktion als „Wieder-rein-holer“ des Publikums funktioniert. Dadurch, dass Regisseur Michael Stacheder und der Darsteller des Cherub, Hubert Dobl, die Figur weiterentwickelt haben und diese von Anfang bis Ende als „memento mori“ das Stück begleitet. Eine Verdauungshilfe für den von Mozart zu kurz erzählten Stoff, dass Tito das Attentat überlebt hat. Eine Übersetzungshilfe für den Zuschauer, der auf die Milde und Güte von Titus zurückgeworfen wird und diese so verstehen und akzeptieren kann. Denn: Seinen ärgsten Feinden zu vergeben ist auch in unseren Tagen keine Selbstverständlichkeit. Memento mori. Mozart verstanden.

Insofern ist die Logik, den „memento mori“ schon von Anfang an auftreten zu lassen, er krönt während der Ouvertüre das Kind Titus, eine weitere Idee von Regisseur Stacheder, insofern ist diese Logik bestechend. Auch, dass er den Todestrank zum Zubereiten reicht, sozusagen dem (unnötigen) Suizid attestiert, ist eine dieser sprechenden Ideen, die es ermöglichen, das Auge auch mal von den Übertiteln ganz und gar abzuwenden und sich dem Schauspiel hinzugeben: Mozart verstanden. Sehr ausdrucksstark: Katharina Wittmann als Servilia. Und ja, die Solisten, sie waren durch die Bank weg herausragend. Die vielleicht beste Besetzung, die die Opernbühne Bad Aibling finden konnte: Titus: Nenad Čiča, Vitellia: Karolina Plickova, Publio, Oddur Jónsson, Sesto: Olga Privalova, Annio: Klaudia Tandl. Und ganz besonders Titus als Kind: Emanuel Dobl (in der Premiere erlebt), Samuel Hurst (in der Hauptprobe).

Überhaupt: Schauspiel: Großartig, dass die Opernbühne Bad Aibling und der Regisseur darauf geachtet haben, dass die Darsteller nicht nur singen, sondern auch schauspielern können. So entsteht im goldumrandeten Guckkasten ein Lehrstück über menschliche Größe, Tragödie und die Clemenza, die Milde, die unfassbare Güte des Titus wird dingfest und für den Zuschauer in praktisch komprimierter Form verdichtet und fast wie zum Abholen bereitgestellt. Man muss nur noch zugreifen – und beherzigen. Memento mori, Mozart verstanden.

Das Orchester liefert eine reife Leistung ab in dieser Reithalle. Ohne Orchestergraben, ohne den natürlichen Hall eines Opernhauses, ohne Verstärkung. Chariklia Apostolu steuerte durch die Partitur, ohne auch nur eine Passage zu vernachlässigen. Ich hatte das Glück, sie kurz vor der Hauptprobe im Biergarten beim Studium der Partitur mit Bleistift zu beobachten, sie arbeitete hervorragend die typischen Mozart-Elemente heraus und das Orchester folgte willig, sich in den Gesamtklang fügend und sowohl begleitend als auch vorantreibend. Der Chor, Herzstück der Maxlrainer Aufführungen, präzise von Hubert Dobl einstudiert, eroberte unter dem Dirigat von Apostolu sämtliche römischen Hügel. Sehr ausgeglichen, sehr sauber und die Aufführung szenisch wie musikalisch bereichernd und tragend. Mozart verstanden.

Das Drumherum dieser Inszenierung, vom Aufbau der Zelte, des Caterings, der umsichtigen Kassenbetreuung bis hin zur technischen Begleitung erfordert viele helfende Hände. Ihnen allen, Mitglieder der Opernbühne, gebührt Dank für ein auch in diesem Jahr unvergessliches Erlebnis. Hier zeigt sich, was eine Gemeinschaft, ein Vereinsleben ausmacht: Jeder steht an seinem Platz, gewinnbringend für das Ganze, einen unvergesslichen Opernsommer in Maxlrain. Jeder auch eingedenk des „memento mori“, die Erinnerung daran, wenn’s in ein paar Tagen wieder gar is, auf gut bairisch gesagt. Mozart verstanden.

Diese lobenden Worte fand auch Intendant James Barnes. Mit unnachahmlichem britischen Unterton, der Sache in seiner Opernwelt gerecht werdend. Memento mori.

Weitere Aufführungen:
Mittwoch, 18. Juli 2018, 19:30 Uhr
Sonntag, 22. Juli 2018, 18:00 Uhr (Familientag)
Dienstag, 24. Juli 2018, 19:30 Uhr
Freitag, 27. Juli 2018, 19:30 Uhr

Karten & Ort: Reithalle Schloss Maxlrain bei Bad Aibling

Weiterführende Links:
Werkstattgespräch I, Werkstattgespräch II mit Regisseur Michael Stacheder. Vorbericht von BR Klassik.

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