The Buzzard – Der Bussard im Mediendschungel

Der Beitrag in verschrifteter Form, die kursiven Zeichen sind die O-Töne, der Beitrag zum Nachhören auf der Webseite des Medienmagazins.

Ortstermin Rosenheimer Straße im MediaLab Bayern.
Sechster Stock, ein bisserl diese moderne Loftatmosphäre mit offen durch den Raum verlegten Belüftungs- und Heizungsrohren, blau-petrol-farben gestrichene Wände, Ausblick auf das Werksviertel, die kreative Ecke Münchens. Die Menschen erscheinen von hier oben schon kleiner. Ein schönes Bild, wenn es darum geht, „The Buzzard Org“ zu beschreiben. Buzzard ist englisch und heißt Bussard. Und so war die erste Form der Website auch aufgebaut. Wie ein Bussard in der Luft über einem Feld steht, so sollte der User bei The Buzzard auf einer Geoblogging-Plattform ein Thema sehen und sich hineinstürzen können.
Sollte.
Die Website mutet heute anders an, sagt Dario Nassal:

(01) Wir haben dann halt gemerkt, dass die Geografie nich immer ausschlaggebend ist, also ob jetzt jemand aus Südgriechenland oder aus Athen bloggt, macht oft nicht den Unterschied. Interessanter ist oft zu sehen, was für eine Meinung der jetzt auf‘m politischen Spektrum einnimmt. Und deshalb haben wir jetzt die neue Plattform, sieht‘n bisschen anders aus, da isses eher konventioneller. Also kann man sich ein Thema aussuchen und dann hab ich eben Pro- und Contra-Positionen auch von Bloggern und Journalisten, und dann habe ich noch Zusatzperspektiven aus der Wissenschaft.

Auf der Website „TheBuzzard dot org“ sind aktuelle Themen aufgelistet. Zum Beispiel: Brauchen wir in Deutschland mehr Umverteilung – oder die Frage, ist der Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen wirklich ein Problem? Links auf der Website sammeln sich die Pro-Stimmen, rechts die Contra-Stimmen, der Link zur kompletten Debattenübersicht findet sich jeweils unter dem Thema.
Die Macher Felix Friedrich und Dario Nassal kennen sich vom Studium her. Sie saßen nach dem Politik-Bachelor zusammen. Beide wollen Journalisten werden, sie machten Studentenradio, verschiedene Praktika und hatten dann, so Felix, die Schnapsidee, vom Bussard. Während sie 2015 ins Ausland gingen, um ihren Master zu machen, haben sie sich gleichzeitg immer wieder um Förderung für den Buzzard bemüht:

(02) … Haben wir uns zum ersten Mal bei Google beworben, nicht genommen worden, zum zweiten Mal bei Google beworben, nicht genommen worden. Dann im Sommer letzten Jahres, wir beide immer noch so: Hey, komm, wenn wir mit dem Master fertig sind, dann versuchen wir den Buzzard ein Jahr durchzuziehen und versuchen irgendwie unsern Traum umzusetzen, zu schauen, dass wir das irgendwie hinkriegen, so. Dann haben wir uns für die Kultur- und Kreativpiloten beworben und haben da gewonnen. Wow, haben wir gedacht: krass!

so Felix Friedrich. Zurück aus dem Ausland, bringen ihnen die Mentoren bei den Kreativpiloten, die im Namen der Bundesregierung Unternehmen aus der Kultur- und Kreativbranche auszeichnen, bei, dass sie zu groß denken:

(03) Das schafft ihr nicht mit dieser Karte, das ist zu viel, das ist alles, ihr müsst den Kern finden, was ist der Kern dessen? – Wieso, was ist der Kern?

Stimmt! das Projekt wurde umgebaut, eine weitere Bewerbung um Förderung beim MediaLab Bayern war erfolgreich, seit Januar gibt es rund 12.000 Euro und freie Büromiete. Die Zeit haben Felix und Dario genutzt und erforscht: welche Informationen braucht man, um aus seiner Filterbubble auszubrechen? Sie entdeckten eine Art Zweigleisigkeit. Einerseits Privatnutzer, die einen Überblick zu bestimmten Themen haben wollen, andererseits …

(04) … haben wir aber auch rausgefunden, es gibt halt auch viele Leute, die professionell Informationen über Politik brauchen, also die Abgeordnetenbüros, die PR-Abteilungen von Fraktionen und Parteien, politische Stiftungen. Auch Medienhäuser, die eigentlich immer wieder auf diese verschiedenen Argumente zugreifen müssen und jedes Mal neu raussuchen müssen. Es gibt irgendwie keinen richtigen Service dafür und deswegen sind wir gerade daran, für unsere Leser die Plattform zu monetarisieren, das heißt, dass die nen geringen Beitrag pro Monat zahlen.

Privatnutzer wären derzeit bereit, zwischen drei und fünf Euro wöchentlich zu zahlen. Das große Geld sollen die Kunden aus Wirtschaft und Politik bringen. Rund 1400 Abonnenten nutzen bereits den kostenlosen Newsletter. Mehr als einen Deep Dive, das sind zehn Artikel pro Thema, schaffen Felix, Dario und zwei Journalistinnen noch nicht, und so hoffen sie, dass nach der Förderung durch das MediaLab und einem Preis von Vocer die jetzt doch endlich eingeheimste Förderung von Google den Durchbruch bringt. Sowohl für mehr Personal als auch für den Algorithmus. Für den Prototyp investieren Felix und Dario gerade sehr viel Hirnschmalz. Der Algorithmus soll relevante Artikel von Journalisten und Bloggern kategorisieren:

(05) Kann uns Computerintelligenz dabei helfen, schneller Meinungen, Texte von Journalisten, von Bloggern in linke politische Spektrum oder rechte politische Spektrum einzuordnen, nach Pro oder Contra.

So Felix Friedrich. Dafür bekommen er und Dario Nassal von der Google Digital News Initiative 50.000 Euro. Angst, dass Google den Journalismus dadurch verändert, haben die beiden Jungunternehmer nicht. Sie sehen eher die Verwirklichung ihrer Vision – Menschen aus der Filterblase zu helfen:

(06)… und wir glauben, dass das nur möglich ist, wenn man unterschiedliche Perspektive, Pro und Contra, links und rechts, ganz schnell zugänglich machen kann.

Advertisements