5000 namenlose Tote im Mittelmeer. 200 Tweets erinnern. #Tote2016

4901 Menschen sind bis zum 23.12.2016 bei der Flucht über das Mittelmeer nach Europa im Jahr 2016 ums Leben gekommen oder werden vermisst. Daran erinnert die Online-Redaktion des Sankt Michaelsbundes in einer Twitter-Aktion am 29. Dezember. Unter dem Hashtag #Tote2016 werden den ganzen Tag über Informationen zu den einzelnen Vorfällen gepostet.

Kerze

In insgesamt 200 Tweets sind dazu Fakten und Zahlen aufbereitet, die von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mit im „Missing Migrants Project“ veröffentlicht sind. Unter dem Hashtag #tote2016 sind diese nachzulesen.

Am 13. Dez 16 sind 87 Menschen unbekannter Herkunft auf der Flucht nach Europa (zentrale Mittelmeerroute) wahrscheinl. ertrunken. #Tote2016

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Das Tanzverbot und die Kultur.

Eine Erwiderung auf Thorsten Steinhoffs Toleranz mit klarer Kante.

Hausmaleri in Südtirol.
Hausmalerei in Südtirol.

Um es gleich zu sagen: Ich stimme meinem bloggenden Kollegen vollumfänglich zu. Ja, das Tanzverbot wie auch die Liste an Stillen Feiertagen verbotener Filme sind antiquiert und überholt. Und 2012 schrieb ich:

Screenshot Heinrich graut's - 2012.
Screenshot Heinrich graut’s – 2012.

Dazu stehe ich weiterhin. Quod scripsi, scripsi.
Gleichzeitig sehe ich, dass die Welt nicht stehen bleibt, was auch gut ist.
Und dennoch differenziere ich ein wenig.

Wenn ich mir die regelmäßigen Untersuchungen anschaue, nach denen immer mehr Menschen nicht mehr abschalten können, wenn ich die Bestrebungen von Politik und auch Wirtschaftsunternehmen sehe, dass es eine Option geben soll, EMails etc. abzuschalten, wenn man in der Freizeit ist, dann sehe ich vor allem eines: Wir haben es verlernt, in uns hineinzuhören, abzuschalten, uns zu entspannen.
Insofern können Stille Feiertage durchaus eine Einladung sein, dem hektischen Treiben für ein paar Stunden zu entsagen. Und ja: Es hat etwas von Bevormundung, wenn der Staat das vorschreibt. Aber – Hand auf’s Herz, brauchen wir diese Regulierung nicht auch ein wenig? Die meisten meiner Leser werden von sich selbst sagen, dass sie selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können. Richtig.
Gilt das aber auch für die Masse? Hier wage ich zu zweifeln. Auch ich ertappe mich immer wieder, im Hamsterrad weiterlaufen zu wollen.

Es tut gut, mal ein paar Tage Abstand zu nehmen. In Zeiten des digitalen Wandels fällt es sowieso zunehmend schwerer, diesen Abstand zu wahren. Die Berichterstattung zu Brüssel zeigt es: Auch am Karfreitag wurde immer weiter über das Attentat, Hintergründe, mögliche Täter berichtet. Neben all den Kleinigkeiten, die emsige Redakteur*innen posteten.
Ich habe 2012 die kecke These aufgestellt, dass wir alle Feiertage und alle Sonntage abschaffen sollten. Dazu stehe ich auch heute noch. Ich fordere gar nicht den Universitalitätsanspruch, dass eine praktizierende Minderheit einer (agnostischen) Mehrheit vorschreiben soll, wie sie sich zu verhalten hat. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass „christliche“ Traditionen in Deutschland weniger Verständnis finden, weil sie von einer Mehrheit nicht mehr praktiziert und erfahren werden.

Wie wäre es mit Sonderregelungen? Wenn ein islamisch bekennendes Kind wegen seiner Feiertage eine Schulbefreiung braucht, bitte. Wenn das jüdische Kind wegen seiner Feiertage nicht am Unterricht teilnehmen kann – gegeben. Wenn ein evangelisches oder katholisches Kind am Karfreitag oder Ostersonntag wegen ritueller Handlungen nicht am Unterricht teilnehmen kann, nur zu! Ob dann noch ein geregelter Unterricht – oder in Erwachsenengroß: eine funktionierende Wirtschaft gewährleistet ist, stelle ich anheim.
Vielleicht braucht es nicht mehr die Weihnachts-, Oster- oder (wo vorhanden) Pfingstferien. Es ist nicht der Untergang des Abendlandes, wenn wir auf diese Markierungen verzichten. Machen wir weiter im Einerlei der Tage. Nein, ich glaube, dass diese Stillen Tage (gerade auch im November) uns zur Besinnung rufen können. Ganz gleich, ob wir eines Bekenntnisses oder eben ohne sind. Es sind ja nicht nur kirchliche Feiertage, die mit dem Merkmal ’still‘ versehen sind. Es sind auch weltliche Tage. Und irgendwo müssen wir uns selber fragen, aus welchem Kulturkreis wir stammen. Wobei ich das teilweise zurücknehme, da Halloween mittlerweile Allerheiligen den Rang abgelaufen hat. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist kein Anti-Amerikanismus, den ich hier pflege.

Der Mensch braucht Auszeiten. Und dafür gibt es Sonn- und Feiertage. Und manche Feiertage sind aus unserer Tradition so markiert, dass sie sich eher zum stillen Feiertag eignen. Dass es eine kleine, rebellische Gruppe gibt, die das immer und immer wieder in Frage stellt: Ja, akzeptiert. Aber die können sich berechtigt über ein Filmverbot aufregen.

Wir reden in diesen Tagen viel über Integration. Davon, dass es wichtig ist, den zu uns Geflüchteten Spielregeln nahezubringen, wie unser Land funktioniert. Ich will nicht den Begriff der Leitkultur bemühen, der ist verbrannt und eher schädlich, aber ich sehe die Berechtigung des Sprichwortes „When in Rome, do as the Romans do“. Wenn ich in ein Land mit anderer kultureller Prägung gehe, werde ich mich genauso anpassen müssen.

Und ja: Ich finde es weiterhin gut, dass der Staat unsere Stillen Feiertage besonders schützt. Auch, wenn ich als Mensch mit Rucksack und ohne Auto gezwungen bin, mir weit im Vorfeld Gedanken zu machen, wann ich was einkaufe, damit ich an den Feiertagen nicht verhungere oder verdurste.

Stille Feiertage sind auch eine Markierung im Leben.
Ganz gleich, wie ich diese ausfülle.

Das nächste Mal muss ich mich übrigens mit einem verwandten Thema auseinandersetzen. In dieser Freibeuterbewegung, die die Abschaffung des Tanzverbotes fordert, ist noch nicht ganz klar geworden, dass der Rundfunk keinen Kirchenfunk veranstaltet, wenn besondere Feiertage im Christentum anstehen.

Aber das ist, wie gesagt, ein anderes Thema.

Frohe Ostern.

Zorneding ist kein Einzelfall.

Der katholische Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende hat um seine Entpflichtung in Zorneding gebeten. Nachdem er sich im Herbst 2015 gegen die örtliche CSU gewandt hatte – deren Vertreter hatten Flüchtlinge als „Invasoren“ bezeichnet und den Pfarrer selbst als „unseren Neger“ beleidigt – streckt er die Segel.
Dabei ist diese Art von „katholisch sozialisiertem“ Rassismus nicht neu.

Ich bin aufgewachsen in einem der katholischsten Orte Bayerns, der keine Heiligtümer vorzuweisen hat, die verehrungswürdig wären. Katholisch im Sinne von allumfassend: Unser Pfarrer hat schon in den 1970er Jahren ohne Federlesens Selbstmörder auf dem Kirchacker begraben, meine Schwester hat eine evangelische Taufpatin, Kardinal Ratzinger, bedeutende Jesuiten verbrachten die hohen Feiertage mit uns – und für uns Ministranten waren die Sommerferien vom Pfarrer immer sehr spannend. Denn da kam regelmäßig eine Urlaubsvertretung.

Eines Sommers hatten wir dann einen dunkelhäutigen Pfarrer als Urlaubsvertretung, einen, um es der CSU verständlich zu machen: Neger.

Am Wochenende vor seinem Urlaub hat unser Pfarrer konzelebriert und seine Vertretung vorgestellt. Was mir – ich war damals ein Knabe von sieben bis zehn Jahren – in Erinnerung blieb: Nach dem Einführungsgottesdienst waren die Kirchenbesuchszahlen nach meiner (rudimentären) Erinnerung noch normal, die Schwestern aus den Erholungsheimen, die üblichen „verdächtigen“ Weiberl. Was mir jedoch auffiel: Schon am ersten Wochenende, an dem der Urlaubsgeistliche zelebrierte, war die Kirche merklich leerer als sonst. Und unsere Kirche war sonst bis auf den letzten Platz gefüllt. Es wurden von Wochenende zu Wochenende weniger, die in den Gottesdienst kamen. Trotz Sommer und Urlaub. Nicht, dass ich das damals besonders registriert hätte, es ist mir heute beim Nachdenken so eingefallen. Auffällig war es schon.

In den Jahren vorher und nachher ist mir in Erinnerung geblieben, dass wir Ministranten mit allen Urlaubsgeistlichen und unserem Pfarrer eine Bergtour unternahmen. Selbst mit dem Holländer, der uns vom Heimatpfarrer als holländischer Prinzensohn vorgestellt wurde, der Pfarrer geworden sei. Nur mit diesem dunkelhäutigen Geistlichen nicht. Der ist ohne Verabschiedung und gemeinsame Unternehmung gegangen.

Ich möchte keinem irgendetwas unterstellen – aber irgendwas war damals anders.
Latent, für ein Kind nicht fassbar.
Irgendwas war da.

Gote: Eine Verhöhnung der Opfer

Ulrike Gote fordert eine eindeutige Distanzierung des Bistums Regensburg von den Äußerungen von Georg Ratzinger. Die religionspolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag bezeichnete die aktualisierten Zahlen zu den Missbrauchsfällen in Regensburg als schockierend.
Die Zahlen bei den Domspatzen stünden aber in einer Reihe mit den Vorfällen in anderen Institutionen. Gote bezeichnete es als Verhöhnung der Opfer, dass Ratzinger die Ergebnisse als „Irrsinn” abgetan habe. Darüberhinaus forderte sie die Deutsche Bischofskonferenz zu einer Stellungnahme auf:

Ulrike Gote, religionspolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag und Vizepräsidentin des Parlaments.
Ulrike Gote, religionspolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag und Vizepräsidentin des Parlaments.

Ganz Gott und ganz Mensch? Zur Diskussion um das „Kind Jesus“

Die Patrona Bavariae auf dem Marienplatz München.
Die Patrona Bavariae auf dem Marienplatz München.
Eine Auseinandersetzung um eine Papstäußerung

In der katholischen Kirche gibt es verschiedene Strömungen. Von traditionell und bewahrend bis hin zu modernen Tendenzen. Im Pontifikat von Papst Franziskus kommt in der Auseinandersetzung um die „wahre Lehre“ eine neue Qualität hinein. Die Gräben scheinen unüberwindlicher denn je. Neben den Auseinandersetzungen um die Piusbrüder oder das Nachtreten in der Causa Limburg gerät immer stärker das Wort des Papstes ins Visier.

Traditionell ausgerichtete Katholiken kritisieren, dass Papst Franziskus annimmt (!), dass Jesus seine Eltern um Verzeihung gebeten haben könnte, als er als Zwölfjähriger im Tempel blieb.

Ich bin kein Theologe und genauso wenig Zeitzeuge wie einer der Theologen, Blogger oder gar Evangelisten dabei gewesen, als sich diese Szene abspielte. Diese aber ist wiederum symptomatisch für einen Diskurs seit Anbeginn der Kirche.

Ich hole ein wenig aus:

Es hat nichts mit Verfälschung oder Umdeutung der Lehre zu tun, wenn Franziskus davon spricht, dass Jesus sich bei seinen Eltern entschuldigt haben könnte. Es wäre schlicht das normale Verhalten eines Kindes. Andererseits schreibt auch das Evangelium von nichts anderem, hier in der Exegese durch Benedikt XVI.:

„Dann kehrte er mit ihnen nach Nazareth zurück und war ihnen untertan … Jesus aber wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Alter und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen“ Nach dem Augenblick, in dem der größere Gehorsam aufleuchtete, in dem er stand, kehrt Jesus in die normale Situation seiner Familie zurück – in die Demut des einfachen Lebens und in den Gehorsam gegen seine irdischen Eltern.

(zitiert nach „Beiboot Petri“).

Das Evangelium berichtet, Jesus habe seine Eltern gefragt, ob sie denn nicht wüssten, dass er im Haus des Vaters sei. Hier wird für den Gläubigen das Einmalige Jesu sichtbar: Er ist ganz Gott und ganz Mensch.
Gleichzeitig ist es eine wunderbar tiefe theologische Antwort. Jesus ist Gottes Sohn. Und dennoch achtet und ehrt er Maria und Josef als seine irdischen Eltern. Er, der durch die Geburt aus Maria Mensch wurde.
So hat es uns schon in der Grundschule unser Pfarrer im Religionsunterricht nahe gebracht. Ein Studienkollege von Benedikt, nebenbei.
Diese zwei Wesen der Person Jesu zu begreifen, also den Menschen Jesus, der zeitgleich und unverändert Gott ist, übersteigt das Vorstellungsvermögen eines Kindes, das ist klar. Es ist und bleibt Glaubenssache. So schwer, so leicht. Was auch klar ist: Jesus weiß wohl als Zwölfjähriger um seine Herkunft. Was hat er ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem ersten öffentlichen Auftritt gemacht? Die Evangelien lassen uns im Unklaren darüber.
Es fällt schwer anzunehmen, dass er nur auf der elterlichen Couch lag und die Schriften studierte, um sich auf seinen Job als Messias vorzubereiten. Entschuldigung für die Flapsigkeit. Ernster gesagt: Ich glaube, es darf getrost davon ausgegangen werden, dass er seinem irdischen Vater Josef bei der Ausübung seines Berufes als Zimmermann half. Alles andere würde dem traditionellen Familienbild dieser Zeit widersprechen.

Aber ist das so wichtig?

Ja. Denn die Debatte um die Äußerung von Papst Franziskus ist eine Scheindebatte, die ganz andere Ursachen hat. Es geht in dieser Auseinandersetzung nur ganz am Rande um die Frage, ob sich Jesus als Kind wie ein Kind verhalten hat oder nicht.
Es geht um die Frage, welche Strömung Oberhand erhält. Die Traditionalisten, die an der Kirche festhalten wollen, so wie sie die Piusbrüder haben wollen? Die Modernisten, die im Gottesdienst alle möglichen Verkündigungsformen ausprobieren?
Die Auseinandersetzung um die Äußerung von Franziskus macht deutlich, dass es um die Position der Kirche in der heutigen Zeit geht. An der Lehre wird Franziskus alleine nichts ändern. Aber in der Auslegung zeigt Franziskus, dass er am anderen Ende der Welt gelernt hat, dass es andere Wege braucht, Glauben und Religion wieder schmackhaft zu machen. Durch die Jahrhunderte haben sich Gottesbilder, Gotteserfahrungen und Gottesverkündigungen verändert. Sie sind in der Form verändert, aber nicht im Wesen.
Letztlich entscheidet sich an der Frage, ob Jesus als Kind wie ein Kind gehandelt hat, die Frage nach der Zukunft der (katholischen) Kirche: Brüderlich und synodal oder zentralistisch, realitätsfern und intrigant.
Insofern ist der Versuch, Franziskus mit Benedikt zu entgegnen, nichts anderes als der Versuch, die alte Kirche mit ihrem kurialen Gepränge gegen eine brüderliche Kirche in Stellung zu bringen.* Die Theologie von Papst Franziskus ist keine andere als die seiner Vorgänger, sie ist katholisch wie bei jedem seiner Vorgänger. Aber die Ausdrucksform und das Amtsverständnis von Franziskus sind ein anderes. Radikaler in der Nachfolge (unseres Bruders)** Jesu als die Kurie.
Die Auseinandersetzung darum ist die Fortführung der Weltbischofssynode mit anderen Mitteln. Manchmal kommen dabei auch Nebelkerzen zum Einsatz.

*Ich unterstelle Papst em. Benedikt nicht, für die „alte Kurie“ zu stehen. Er findet hier Erwähnung, weil seine Exegese gegen die von Papst Franziskus in Stellung gebracht wird.

** Den Ausdruck habe ich nachträglich ergänzt, um deutlich zu machen, was Franziskus m.E. mit seiner Exegese erreichen könnte: Eltern holen Jesus freudig in ihre Mitte. Wie ihr Kind.