Dass Zeitreiseanträge das drängendste Problem seien, wünschte ich mir angesichts der Weltpolitik.

Ziemlich unmerklich vor etwas mehr als einem Jahr stellte ich fest, dass das Thema Vorratsdatenspeicherung durch ist. Sei es, ob Hubert Aiwanger, der Fraktions- und Bundesvorsitzende der Freien Wähler, nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo forderte, dass eine VDS wieder her müsse, sei es, dass die CSU im Bayerischen Landtag ungeniert (und nur von drei Journalisten – mit mir!) auf einer Pressekonferenz massiv die Wiedereinführung der VDS propagierte: Es interessierte bis auf zwei, drei Kollegen und netzaffine Menschen keinen. Nicht einmal die Bürgerrechtspartei der Piraten. Zumindest für Bayern kann ich memorieren, dass in der fraglichen Zeit seitens des Vorstandspersonals interne Vorgänge (zur Konsolidierung?) wichtiger waren als die Abwehr eines massiven Angriffs auf unsere Freiheitsrechte.

Als der Bundesminister der Justiz im Herbst dann einen Gesetzentwurf zur Einführung einer Höchstspeicherfrist vorlegte, gab es ein Wellchen im Netz. Richtig. Aber das verebbte recht schnell. Die VDS kam und erste Klageabwehren vor Gericht zeigen, dass die handwerklich oft geschmähte Koalition mit jedem neuen Versuch einer Beschneidung der Bürgerrechte mehr Erfolg haben wird.

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Zorneding ist kein Einzelfall.

Der katholische Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende hat um seine Entpflichtung in Zorneding gebeten. Nachdem er sich im Herbst 2015 gegen die örtliche CSU gewandt hatte – deren Vertreter hatten Flüchtlinge als „Invasoren“ bezeichnet und den Pfarrer selbst als „unseren Neger“ beleidigt – streckt er die Segel.
Dabei ist diese Art von „katholisch sozialisiertem“ Rassismus nicht neu.

Ich bin aufgewachsen in einem der katholischsten Orte Bayerns, der keine Heiligtümer vorzuweisen hat, die verehrungswürdig wären. Katholisch im Sinne von allumfassend: Unser Pfarrer hat schon in den 1970er Jahren ohne Federlesens Selbstmörder auf dem Kirchacker begraben, meine Schwester hat eine evangelische Taufpatin, Kardinal Ratzinger, bedeutende Jesuiten verbrachten die hohen Feiertage mit uns – und für uns Ministranten waren die Sommerferien vom Pfarrer immer sehr spannend. Denn da kam regelmäßig eine Urlaubsvertretung.

Eines Sommers hatten wir dann einen dunkelhäutigen Pfarrer als Urlaubsvertretung, einen, um es der CSU verständlich zu machen: Neger.

Am Wochenende vor seinem Urlaub hat unser Pfarrer konzelebriert und seine Vertretung vorgestellt. Was mir – ich war damals ein Knabe von sieben bis zehn Jahren – in Erinnerung blieb: Nach dem Einführungsgottesdienst waren die Kirchenbesuchszahlen nach meiner (rudimentären) Erinnerung noch normal, die Schwestern aus den Erholungsheimen, die üblichen „verdächtigen“ Weiberl. Was mir jedoch auffiel: Schon am ersten Wochenende, an dem der Urlaubsgeistliche zelebrierte, war die Kirche merklich leerer als sonst. Und unsere Kirche war sonst bis auf den letzten Platz gefüllt. Es wurden von Wochenende zu Wochenende weniger, die in den Gottesdienst kamen. Trotz Sommer und Urlaub. Nicht, dass ich das damals besonders registriert hätte, es ist mir heute beim Nachdenken so eingefallen. Auffällig war es schon.

In den Jahren vorher und nachher ist mir in Erinnerung geblieben, dass wir Ministranten mit allen Urlaubsgeistlichen und unserem Pfarrer eine Bergtour unternahmen. Selbst mit dem Holländer, der uns vom Heimatpfarrer als holländischer Prinzensohn vorgestellt wurde, der Pfarrer geworden sei. Nur mit diesem dunkelhäutigen Geistlichen nicht. Der ist ohne Verabschiedung und gemeinsame Unternehmung gegangen.

Ich möchte keinem irgendetwas unterstellen – aber irgendwas war damals anders.
Latent, für ein Kind nicht fassbar.
Irgendwas war da.

Landesvater, cool down. Christian Springer schreibt an Horst Seehofer

Christian Springer ist Kabarettist, Autor und Künstler. Vielen ist er als „Fonsi“ bekannt. Als Kassier in Neuschwanstein stieg er herab aus den Höhen auf die Bühne und erklärte mit Charme und treuherzig, bisweilen nörgelnd die Welt. Seit 2012 engagiert er sich in Syrien und im Nahen Osten. Bürgerkriegsgebiete, derzeit ohne Hoffnung auf Beruhigung, Linderung oder sogar ein Aufhören des Kriegs. Er gründete 2012 die „Orienthelfer“. Ein kleiner Kreis Freiwilliger, der vor Ort und mit Spenden zu helfen versucht. Jetzt hat Christian Springer einen offenen Brief an den Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer geschrieben: „Landesvater, cool down“.

Kabarettist, Autor, engagiert bei den Orienthelfern: Christian Springer. Er schickte einen offenen Brief an Ministerpräsident Hort Seehofer. Foto: Katharine Ziedek
Kabarettist, Autor, engagiert bei den Orienthelfern: Christian Springer. Er schickte einen offenen Brief an Ministerpräsident Hort Seehofer. Foto: Katharina Ziedek

Christian Springer über seine Arbeit als Orienthelfer, Hilfe, die wir alle geben können und seinen Brief, in dem er die aus seiner Sicht falschen Entscheidungen in der bayerischen und deutschen Asylpolitik benennt.

(10MB/10:44)

Mehr Informationen über die Orienthelfer.

Den „Offenen Brief“ von Christian Springer gibt es auch als Buch: „Landesvater, cool down“.
ISBN-13: 978-3000514241, wie immer im guten Buchhandel, 7 Euro.
Hier eine Textprobe mit freundlicher Genehmigung.
Fotos von der Lesung mit Christian Springer, gefertigt von Katharina Ziedek, bei Flickr.

Man muss vor allem groß denken – CSU diskutiert Paketposthalle als Konzertsaal

Seit 15 Jahren suchen die Münchner einen Standort für einen neuen Konzertsaal. Zehn Jahre hat die Staatsregierung die Federführung und passiert ist bislang nichts. Außer, dass 35 Standorte verschlissen wurden, von denen zwei übrigblieben. Das Werksgelände bei Pfanni und die Paketposthalle.

Entwurf eines Konzertsaal-Areals in der Paketposthalle. Bild mit freundlicher Genehmigung.
Entwurf eines Konzertsaal-Areals in der Paketposthalle. Bild mit freundlicher Genehmigung.

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Grüne warnen CSU vor Neuwahlen: AfD würde profitieren

Die Fraktionschefin der Grünen im Bayerischen Landtag findet die Besprechung, die Seehofer mit Putin anstrebt „völlig daneben“. Seehofer habe erkennbar keine Strategie und versuche sich wichtiger zu machen, als er sei. Man brauche keine Sperrfeuer und keine Drohkulissen aus Staatskanzlei und CSU-Fraktion, sondern Kooperation. Die Grünen seien bereit.

Ludwig Hartmann und Margarete Bause bei der Pressekonferenz
Ludwig Hartmann und Margarete Bause bei der Pressekonferenz

Margarete Bause im O-Ton:

(6MB / 6:20)

Ludwig Hartmann, Mit-Vorsitzender der grünen Fraktion brachte den Vorschlag ein, für jeden Landkreis und jede kreisfreie Stadt in Bayern zwei Integrationshelfer einzustellen. Mit diesen 192 Helfern könne ideal vor Ort auf die Bedürfnisse eingegangen werden:

(4MB / 4:34)

Für diese Woche wird im Bayerischen Landtag eine Regierungserklärung von Horst Seehofer erwartet.