Leseranwälte

Zwölf Tageszeitungen in Deutschland haben derzeit Ombudsmänner, die meistens Leseranwalt heißen. Was sie so machen, wie sie wirken, wie sie arbeiten: Ein Beitrag für das Medienmagazin von B5aktuell.

Hier das Skript, die O-Töne sind kursiv.

Die Einbahnstraße ist zu Ende. Vom Kommunikationsmodell Sender zu Empfänger haben sich Journalisten schon lange verabschieden müssen. Nicht erst die Social-Media-Teams gehen auf Einwände der Leserschaft ein. Leseranwälte wirken sowohl in Print wie im Onlineauftritt der Zeitung, stellen den Kontakt zwischen Redaktion und Leser bzw. User her. Anton Sahlender kennt diese Funktion schon lange:

Ich habe Anfang der 90-er Jahre bereits einen US-Ombudsmann in Deutschland bei Seminaren gehört. Art Naumann, aus Seattle glaub ich, war er, und mich hat eigentlich die Idee damals schon fasziniert. (12 sec)

2004 hat die Mainpost auf seine Anregung hin einen Ombudsmann eingeführt, Sahlender füllt die Funktion auch heute als Rentner noch aus. Die Vorgesetzten waren gleich dabei, über den Namen für den Job haben sie ein wenig nachgedacht. Interessant ist, dass manche im Leser-Anwalt eher den Beschützer der Redaktion als den der Leser sehen, sie schreiben Sätze wie …

… weil sonst müssten sie mir ja Recht geben. Des is natürlich des große Mißverständnis, weil ich sage, eigentlich: ein jeder Journalist ist irgendwo Leseranwalt, is irgendwo Anwalt der Menschen und ich sag mal, diese Medienombudsleute verstärken des und sind letztendlich die Auffangstation, der Blitzableiter. (20 sec)

Für seine Kollegin Kerstin Dolde von der Frankenpost ist in Zeiten von Redaktionszusammenlegungen und Newsdesks der Leseranwalt auch das Bindeglied zwischen Produzent und Konsument:

Die kleine Redaktion, die Ein-Mann-Redaktion irgendwo aufn Dorf is dem lokalen Newsdesk zum Opfer gefallen, und da kam dann grade die älteren Leser, die gsacht ham, ihr seid’s ja gar nimmer für uns da. Und da gings drum, wer spricht mit den Lesern, wer ist Ansprechpartner, wer kanalisiert des und wer hat das offene Ohr für den Leser. (19 sec)

Viele sahen in Kerstin Doldes Funktion als Leseranwältin einen vermeintlichen Abstieg. Sie widerspricht, schätzt den Kontakt zum Leser, es sei eine Beziehung auf Gegenseitigkeit. Auch die Kollegen in der Redaktion sind froh darüber.

Viele Kollegen finden das gut, die aus dem Tagesgeschäft, wenn Kritik kommt, sagen, kannst Du des für mich klären? Dann mach ich des natürlich. Ich liefer natürlich auch den Input, der von außen kommt und sach, ich hab mich mit Lesern unterhalten, sei es durch Besuchergruppen, sei es durch Anrufe – und zu dem und dem Artikel kam die und die Rückkoppelung. (19 sec)

Tom Soyer kümmert sich bei der Süddeutschen Zeitung um die Kommunikation mit dem Leser in den Landkreisen. Er begründet sein gutes Standing in der Redaktion damit, dass er in der SZ-Lokalredaktion als Freier gearbeitet hat und später vor Ort Chef war. Daher kennt er sowohl leser- wie kollegentypische Eigenheiten:

Des Zusammenwirken bisher war positiv genug, dass es auch für diese Tätigkeit hier trägt. Ich hab schnell den Kontakt mit den richtigen Leuten, ich kann Themen, Anregungen schnell ins Ziel begleiten, und ich kann auch über schwierige Leserkritik gut und offen mit den Kolleginnen und Kollegen reden. (17 sec)

Der Streß einer Redaktion ist stärker geworden, seit dem weniger Redakteure mehr Artikel produzieren müssen. Soyer sieht das als Herausforderung:

Da kann auch mal was nicht ganz optimal richtig sein. Und da is’ wichtig, dass es Ansprechstellen gibt, die auch intern dann das Nacharbeiten organisieren oder anregen können. Und als des versteh ich mich für den Lokalteil der SZ. (14 sec)

Alles passiert in enger Absprache mit den Kollegen in der Redaktion, betont Tom Soyer. Er befürchtet nicht, dass er sich unbeliebt macht:

Den Eindruck habe ich nicht, im Gegenteil. Es gibt sehr positive Rückmeldungen. Die Kolleginnen und Kollegen verstehen mich tatsächlich als des, was ich für sie bin: Nämlich ein Dienstleister. (10 sec)

Vorreiter Anton Sahlender würde die Wirkung eines Leseranwaltes auf die Redaktion gerne mal in einer anonymen Umfrage erheben:

Ich muss leider bekennen, dass ich nich des Tool noch an die Hand bekommen hab, des mal bei uns im Hause durchzuführen. Also ich kann auch mich nur, wenn ich darüber was sagen wollte, wie die Redaktion dazu steht, auf des stützen, was ma an einzelnen Rückmeldungen bekommt. (15 sec)

Dolde, Soyer und Sahlender sind sich einig: Die offene Fehlerkultur ist ein Gewinn für die Leser-Blatt-Bindung. Es gibt immer ein offenes Ohr. Da fällt kaum auf, dass die SZ wegen vieler unflätiger Kommentare nur noch vier Beiträge am Tag auf der Website zur Diskussion stellt. Denn der Leser hat auch so seinen Ansprechpartner.

(Der Beitrag entstand aus einer Tagung der Akademie für Politische Bildung in Tutzing.)

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